Wider die Kultur des Schweigens

Streifzüge durch die Kulturen, Ravensburg und die Welt mit Wolfram Frommlet

Früh schon hielt die Barbarei Einzug in Wolframs Leben.
Sein Vater machte zur Nazizeit als Leiter des Feuilletons der Ulmer Donauzeitung aus seiner Liebe zur jüdischen Kultur keinen Hehl und trat nicht in die Partei ein. Ein Affront, der einen hohen Preis hatte. Er wurde seiner Funktion enthoben und als Kriegsberichterstatter in das Berlin der Luftangriffe entsandt.

Mit Kriegsende brachte er den grenzenlose Wahnsinn der kriegerischen Vernichtung mit ins heimatliche Ravensburg.

„Was mein Vater dort erlebt hat? Bis zum Abitur, bis ich aus dem Haus ging, habe ich ihn nachts schreien gehört. Es waren seine Albträume, die ihn verfolgten – die brennenden Straßen; die Menschen, die von den Feuerstürmen wie Fliegen in die Häuser gezogen wurden – all das.“

Schwerer als die Schreie seines Vaters wog indes das Schweigen der Nachbarn, Freunde und Weggefährten. Damals genügte es, nicht den Konventionen oder üblichen Gepflogenheiten zu folgen, um gesellschaftlich ausgeschlossen zu werden.

„Für einen, über den bekannt war, warum er in Ulm rausgeschmissen worden war… Das hatte sich ja herumgesprochen… So einer war von den engsten Freundeskreisen ausgeschlossen. Mein Vater hatte sich zudem als Katholik mit einer evangelischen Frau evangelisch trauen und mich evangelisch taufen lassen. Damit wurde er aus der katholischen Kirche exkommuniziert und war in dieser Stadt außen vor.“

Nach dem Krieg fand der Vater bei der Südwestpresse Tübingen in Ehingen und dann in Hechingen eine Anstellung als Lokalredakteur und Wolfram schrieb mit 17 in seiner Zeitung.

„Das war der Eintritt für mich in über 50 Jahre Journalismus.

Mein Vater war ein Humanist und großer Liberaler, der auch meine linke Entwicklung später immer gutgeheißen und unterstützt hat. Auch als ich 1964 schon den Kriegsdienst verweigerte stand er an meiner Seite. Das war kein Zuckerschlecken damals. Früh schon wurde mir klar, dass unsere Geschichten immer durch Barbarei geprägt sind."

Vielleicht ist es diese eine Erkenntnis, die Wolframs Leben zutiefst geprägt hat. Und dass es unsere unausweichliche Aufgabe ist, uns gegen diese Barbarei immer wieder aufs Neue zu erheben, da wir nur so unser Menschsein würdig zum Ausdruck bringen.

Ich bin dann immer stärker auf die Geschichte des Kolonialismus gekommen.
Ich habe Frantz Fanon gelesen: »Die Verdammten dieser Erde«. Da war ein Dichter Präsident vom Senegal: Leopold Sédar Senghor! Damals war einer der größten Schriftsteller Afrikas Präsident von Angola: Agostinho Neto! Es gab Lumumba, den sie ermordet haben. Dann bin ich auf Julius Nyerere gestoßen und sein Konzept der »Ujamaa«, der Gemeinschaftsdorf-Ideologie.

Das alles hat mich geprägt. Das bewegte mich so, dass ich im WDR viele Sendungen dazu gemacht habe und dann 1979 alles in Köln aufgegeben habe und nach Sambia gegangen bin. Dort war einer meiner Heroen: Kenneth Kaunda mit seinem sambischen Humanismus!“

Wolfram ruft raumfüllend, dann wieder singt er fasst die zentralen Aussagen wie Mahnmale in den Raum. Mit enormer Energie, mal laut, mal verzweifelt, mit den Händen den Gehalt wichtiger Worte unterstreichend, zwei oder drei Stunden am Stück.
Eine Stunde lang hat mir Wolfram mit enormer Energie aus seinem Leben und dem Leiden an der Welt berichtet, bevor ich meine erste Frage stelle.

„Warst du immer schon so wütend?“

„Ja. Ich war immer schon so. Ich habe keine Zeit, runterzufahren. Ich kann nicht anders.“

Sambia, Kenia – und einmal um die ganze Welt

Wolfram organisiert das erste Treffen der Schriftsteller Sambias und schult sambische Journalisten darin, den Geschichten der dörflichen Einwohner in den Medien Raum zu geben. Die Gründungsgeneration der südafrikanischen Anti-Apartheid-Bewegung ging in seinem Haus ein und aus und fand bei ihm Unterschlupf.
In Lusaka, Sambias Hauptstadt, wird Wolframs Tochter geboren, zwei Jahre später folgt die Geburt seines Sohnes.

„Aus all dem entstanden dann drei Jahre Sambia, mehr als 20 Jahre mit dem Goethe-Institut und für die UNESCO in vielen Ländern und dann war ich bei der Deutschen Welle beim »Radio Training Centre« in Köln.“

Und überall war er von der Hoffnung getragen, etwas zum menschlichen Antlitz der Welt beizutragen, einen kleinen Beitrag zum Wandel der Welt zu leisten – heraus aus den Fesseln der faschistischen Vergangenheit seiner eigenen Kindheit. Heraus aus den Fesseln des gerade erst vermeintlich abgelegten kolonialen Erbes der afrikanischen Länder. Auf dass die Welt sich zum Besseren wenden möge.

„Wir haben völlig neue Radioprogramme gemacht. In Ghana zum Beispiel »literature on the air«. Ghana und auch Kenia hatte wunderbare Schriftsteller, aber afrikanische Schriftsteller sind in Frankreich oder London auf den Markt gekommen. Es gab keine Bücher und keine Buchhandlungen.
Was mir damals klar wurde: Die koloniale Zerstörung in diesen Ländern ist furchterregend! Eingegraben in die Kultur. 25 Jahre nach der Unabhängigkeitsbewegung sahst du, wie die ehemaligen Kolonialmächte versucht haben, überall alte Strukturen zu bewahren – die Franzosen am brutalsten. Damit alles bleibt, wie es ist. Und sie haben natürlich nicht gepennt und sich die Kontrolle über die Rundfunkanstalten gesichert. In Französisch-Westafrika saßen überall drei Franzosen und der »Neger« lief hinterher! Das war ja schon immerhin eine »Revolution«, dass man dann die schwarzen Kollegen »Francoise« und »Jacques« und »Emile« nennen durfte. Und er durfte dann großzügigerweise auch zum Franzosen »Louis« sagen.

Du gehst immer wieder, du bleibst nirgends. Und dann kommst du nach zwei Jahren wieder zurück und stellst fest: Es ist noch ein größerer Ignorant im Informationsministerium an die Macht gekommen oder das ganze Regime hat sich nach Rechts entwickelt. Und alle ländlichen Projekte und alles Ländliche war abgesägt worden. Die Bauern waren wieder die »rückständigen Deppen«, die sie vorher waren. Und die kleinbäuerliche und mittelständische Agrikultur wird ausgehebelt und vernichtet, weil sie natürlich für die EU keinen Sinn macht. Das war eine Geschichte, die hatte ich nicht berechnet.“

Was er in der eigenen Kindheit und Jugend erlebt hatte, sollte ihm weltweit und allerorten in immer neuer Gestalt begegnen. Was den Mächtigen vieler Länder nicht behagte, wurde lautlos entfernt, ersetzt, ausgelöscht. Wo eben noch dank Oral History neue Horizonte erreichbar schienen, herrschte nun die Kultur des Schweigens. Es hat System und wahrscheinlich ist es unvermeidlich, dass man unaufhörlich an der Gier und Ignoranz seiner Mitmenschen scheitert und die humanistischen Projekte immer von Neuem und nicht selten von Null wieder aufbauen muss.

„Ich habe Menschen die Köpfe aufgemacht, ihnen Dinge erzählt, die in keinem Schulbuch standen. Viele Menschen waren nach vier oder fünf Wochen mit mir auf einem anderen politischen Wissensstand als zuvor. Bei denen hatte sich viel geändert. Und sie haben mich umarmt und gesagt: »Frommlet, please come back! Can’t you stay here?!«

Es gab bloß ein Problem: Damit hatten sie keine Chance! Und das habe ich erst nach und nach begriffen. Diese Menschen, in all den Ländern in denen ich war, hatten im Gegensatz zu mir keine Alternativen. Und das hat sich bis heute nicht geändert.

Das heißt auf gut deutsch: Du machst sie an, du baggerst sie an. Du sagst: »Medien sind sexy, Journalismus ist cool – wow! Und ihr könnt was! Ihr seid nicht die Arschlöcher! Macht den Mund auf, schaltet das Gehirn ein! Ich helfe euch – und nicht als Kolonialist!«

Und dann gucken die dich an und sagen: »Wir haben keine Rente – oder wissen zumindest nicht, ob es die in fünf Jahren noch gibt – und wir haben auch keine Alternativen. Wir müssen bei der Times of Sambia bleiben oder beim staatlichen Rundfunk oder bei der Times of India.« Wenn die bei der »Times of Soundso« herausflogen oder es nicht mehr aushielten, dann konnten sie nur noch gucken, ob sie einen Onkel auf dem Land hatten, der zumindest einige Hühner besaß.

Wenn ich ein Problem mit dem WDR gehabt hätte, gab es noch zehn andere öffentlich-rechtliche Sender! Und wenn ich ein Problem mit einem Verlag gehabt hätte, bei dem ich publizierte – dem Peter Hammer Verlag oder sonst irgendwo – und ich hätte mich mit denen angelegt und wir hätten uns zerstritten: Da gibt es noch 260 andere!“

Wie lebt man angesichts der Verwüstungen, ohne an der Welt zu verzweifeln? Wolfram fühlt sich wie Don Quixotte, der auf seinem alten Gaul mit der Lanze in der Hand gegen Windmühlen ankämpft. Einer der alles aufgibt, um Boden in einer bodenlosen Welt zu gewinnen.

„Ich habe eine Menge Menschen kennengelernt, die im Exil waren, die im Knast waren, die nie zurückkamen – die todunglücklich waren. Das hältst du auf die Dauer nicht aus! Du machst Ihnen was vor und machst dann wieder die Biege. Servus, Good Bye… Schaut mal, wie ihr klarkommt…

Ich kam in immer größere Konflikte, in eine immer größere Zerrissenheit. Auf der einen Seite meine alte linke Vision: Man soll den Herrschenden das Feld nicht überlassen! Man soll kämpfen! Und auf der anderen Seite das Gefühl, gegen Windmühlen anzurennen. Den Widerspruch habe ich irgendwann nicht mehr ausgehalten.“

Zurück in die schwäbische Provinz

„Ich war jeweils mindestens vier Wochen unterwegs, manchmal sogar zehn – in Ghana, Nigeria und sonst wo – und dann noch für den Funk unterwegs… Dieses ständige Wegsein über so viele Jahre – das hat die Beziehung zu meiner Frau nicht ausgehalten. Ich kam zum Teil auch ziemlich angeschlagen zurück. Ich habe Sachen erlebt, die man am Flughafen nicht einfach in den Papierkorb werfen kann. Das hat zunehmend unser Leben geprägt.“

Nach mehr als 20 Jahren wurde Wolfram klar, dass es so nicht weitergehen konnte.

„Ich merkte: Ich kann diese internationale Geschichte nicht bis zum Ende meines Lebens machen. Ich geh kaputt! Das hältst du nicht aus! Ich war mal beim Arzt und er fragte: »Warum kommen Sie?« Ich sagte: »Da hat einer den Stecker bei mir rausgezogen.« Er hat mich untersucht und ich war topfit. »Erzählen Sie mal, was machen Sie denn?« Ich habe ihm dann ein bisschen erzählt und dann guckte der mich an und sagte: »Wissen Sie was? Bei dem Leben, das Sie führen, wäre es normal, dass Sie mittlerweile den zweiten Herzinfarkt hätten.«“

Was bleibt, wenn man die Welt auf der Suche nach gesellschaftlich geteilter Menschlichkeit durchmessen hat? Und wohin soll man dann gehen? Für die BBC nach London? Heim in das großelterliche Haus in die schwäbische Provinz? Wolfram entschied sich für Ravensburg.

„Ich war in solch einer Krise, privat wie beruflich – und dann hatte ich ja noch dieses Haus hier, das Haus meiner Großeltern. Ich bin dann mit zwei Autoladungen voller Bücher und Zeugs und Material hierher… Da waren die Kinder schon 16 und 18… Zunächst habe ich noch das Gleiche gemacht, wie zuvor: Ich habe für das Deutschlandradio gearbeitet und die Deutsche Welle und das Goethe-Institut.“

„Du bist an extremen Orten der Welt gewesen. Und kommst dahin zurück, wo es nicht einfach war. Nicht einfach für dich und nicht einfach für deine Eltern.“

„Das war für mich eines der größten Experimente meines Lebens. Ich wollte wieder Boden unter den Füßen haben, aber am Anfang bekam ich sogar Panik. Ich war jederzeit bereit zu sagen: »Ich kann auch wieder gehen!« Heute weiß ich: Die Provinz hat Potenzial.

Der Leiter des jetzigen Humpis-Museums sprang auf etwas an, was ich vorher schon gemacht hatte: Orale Geschichte. Und so habe ich hier mit Zeitzeugen sieben Dokumentarfilme gedreht. Und daraus entstand dann ein Buch zu hundert Jahren Stadtgeschichte: »Von Liebe und Leid, von Arbeit und Würde«.
Da sind auch Geschichten des kleinen Widerstands der Menschen im Faschismus drin. Und drei Geschichten – die gehören mit zu dem Entsetzlichsten, was ich je geschrieben habe – über die sogenannten »Zigeuner« außerhalb der Stadt, von denen über 40 nach Auschwitz/Birkenau deportiert wurden. Nur drei überlebten. Eigentlich nicht einmal drei. Da kamen drei zurück, aber nur zwei waren davon ursprünglich aus Ravensburg. Es ist die Geschichte derer unten und derer oben. Die Geschichte von Frauen. Die Geschichte einer Migrantenfamilie aus der Türkei, Geschichten über die mühsame Befreiung aus der Enge.

Wenn hier auf einem Bauernhof die evangelische Tochter einen katholischen Bauern geheiratet hätte, dann wäre die innerhalb von 24 Stunden vom Hof verjagt worden. Da hieß es: »Wenn der auf de Hof kommt und du den heiratsch, no zünd ich de Hof a!« Und das hätten die gemacht!“

Hände in Ravensburg

Zeit seines Lebens ist Wolfram auf der Suche nach Geschichten, die die Gestalt einer würdigen Welt erahnen lassen. Inmitten dieser Erzählungen taucht sie wieder auf: Die kühle, unausweichliche Härte autoritärer Strukturen und die darauf folgende Stille. Und ein Leben, das sich entgegen der herrschenden Interessen einer Kommunalität mit menschlichem Antlitz zuwendet. Wie getrieben folgt Wolfram dem Leben jener Menschen, die ohne Lug und Betrug mit eigenen Händen ihr Lebenswerk bestritten haben.

„2017 habe ich das Projekt »Hände in Ravensburg« organisiert. In der ganzen Innenstadt konnte man an 60 Orten Fotos der Hände sehen, die dort tätig sind – begleitet von 80 authentischen Zitaten, die ich mit den Menschen zusammengestellt hatte."

Um zu verstehen, wie Wolfram die Geschichten der Menschen in das Ravensburger Stadtbild getragen hat, muss ich von dem langen, zierlich gefassten Biedermeier-Esstisch aufstehen und mit Wolfram vor die Tür treten.

„Es gab hier generationenübergreifende Arbeit. Die alten Techniken eines Polsterers, eines Glasers, mischten sich mit denen der nächsten Generation. Und im »Hände«-Projekt hatte ich Menschen dabei, die etwas über vier oder sogar fünf Generationen weiterentwickelt haben.
Diese Seilerei besteht jetzt seit vier Generation. Die produzieren noch alte Seile, nach alten Methoden – für therapeutische Zwecke oder für Segelboote – und produzieren Seile aus Hightech-Material, die bis hoch in die Weltraumforschung eingesetzt werden.
Ich habe einen Schuhmacher dabei gehabt – vier Generationen –, der ist von hier aus weltberühmt geworden, weil er Theater-, Opern- und Ballettschuhe macht. Vom Royal Opera House in Stockholm bis Mailand, seine Schuhe sind überall – ob in den Niederlanden oder in der Grugahalle in Essen.“

Gestikulierend, mit mächtiger Intonation, deutet Wolfram auf jedes zweite oder dritte Schaufenster der Unterstadt, inmitten der sein kleines Häuslein steht.

„Da oben gibt es einen Bauernmarkt. Drei der Markthändler haben mitgemacht, weil sie nur das verkaufen, was sie mit ihren eigenen Händen angebaut haben. Die sagen: »Bei uns gibt es im Winter keine Tomaten. Und bei uns gibt es im Winter auch keine grünen Bohnen aus Tansania.« Ich hatte einen der letzten regionalen Müller dabei. Der sagt: »Ich benutze nur Mehl von den Bauern von hier. Ich bleibe ihnen treu, egal ob es ein Scheißsommer oder ein guter Sommer ist.« Und ich hatte Bäcker dabei, die gesagt haben: »Wir machen das nicht mit, dass wir bis 18 Uhr abends die Regale auffüllen. Das ist unmoralisch.«

Die Provinz hat Aufbrüche und es lohnt, sich da einzuklinken und einzubringen.“

Was mich beeindruckt: Wolfram packt es unverzagt an, wenngleich er auch schon vor dem Abgrund stand. Was treibt ihn an?

„Als einer, der über 50 Jahre ein hochpolitisches Leben führte, hat man eine Mission.“

„Mission – das klingt so pathetisch. Kann man das auch alltäglicher formulieren und sich einfach fragen: »Was ist dein Beitrag in der Welt?« Und wenn man sich einmal darüber orientiert hat, welchen Beitrag man leisten will, ist es unvermeidlich.“

„Ja! Absolut! Absolut!

Ich habe mühsam – weil er wenig erzählt hat – über meinen Vater begriffen, was es heißt, wenn Kultur und Vielfalt zerschlagen wird. Das kann unglaublich schnell gehen. Da haben wir etwas zu verteidigen.

Es gibt nicht Viele, für die ich meine Hand ins Feuer legen würde. Es gibt in meinem Umfeld nicht so wahnsinnig viele Menschen, von denen ich weiß, dass sie, wenn es härter wird, nicht schweigen werden.

Barbarei am Bodensee

Was bringt Menschen dazu, ihre Seele und ihre Werte zu verkaufen und zu verraten?
Ob sie hier am Bodensee in der Rüstungsindustrie oder bei Monsanto/Bayer arbeiten und Gensaatgut entwickeln, das die Kleinbauern vernichtet. Ob sie bei RTL eine Medienwirklichkeit der Würdelosigkeit aufbauen oder bei Rewe als Disponent dafür sorgen, dass die Lastwagenfahrer in Europa wie die neuen Sklaven behandelt werden… Da gibt es ja nicht nur die Nutzer unten, sondern auch oben Menschen, die das für ganz viel Geld tun – für super Gehälter.

Weil man sich einen Porsche Carrera leisten kann und zweimal im Jahr nach Teneriffa oder Madeira zum Golfen fliegt? Das nennt man Bestechung – auf hohem Niveau!

Heute geht es nicht darum, dass der Arbeiter die Schnauze hält. Der hält die sowieso. Der produziert SUVs mit sechs Auspuffen und viereinhalb Tonnen Rohgewicht, 18 Liter Verbrauch im Stadtverkehr – mit dem die Kinder dann in den Montessori-Kindergarten gefahren werden. Die Arbeiter drücken bei Heckler & Koch die Gewerkschafter an die Wand, wenn es um Rüstungsexporte geht.“

Die Bodenseeregion ist das Herz der deutschen Rüstungsindustrie. Getragen von einer Kultur des Schweigens.

„Ich war befreundet mit einem evangelischen Pfarrer in Langenargen. Der hat dort in der Kirche im Gottesdienst gegen die Rüstungsgeschäfte gepredigt. Er war Mitglied des Bündnisses »Keine Waffen vom Bodensee«. Und es hat nicht lange gedauert, da sind wohl einige besser verdienende Kirchenmitglieder ein paar Etagen weiter hoch gegangen und haben gesagt: »Wir zahlen die höchsten Kirchensteuern hier. Und wir müssen uns nicht von dem Typen anmachen lassen.« Und er war weg. Versetzt. Ganz schnell. Auch das heißt: Schweigen. Auch in der Kirche.

Diese Dinge haben mit einem riesenhaften Kulturwandel zu tun, der gerade mal zwei Generationen alt ist: Du schweigst, weil du dich in finanzielle Abhängigkeiten gebracht hast.

Ich hätte mich nie im Leben verschuldet, um mir etwas zu leisten, das mich abhängig macht. Ich weiß noch, wie mein Sohn in Köln eines Tages nach Hause kam, da war er relativ klein, und sagte: »Daddy, könnten wir uns einen Mercedes leisten?« Ja, das könnten wir. »Und warum haben wir keinen?!« Weil wir den nicht brauchen. Weil ich so viel Geld nicht für ein Auto ausgebe. »Aber das sind tolle Autos!« Aber deshalb muss ich es nicht haben.

Ich möchte unabhängig sein, mit dem was ich verdiene und ich möchte auch mal »nein« sagen können. »Nein« sagen kann ich nur, wenn ich mir keine Dinge leiste, für die ich schweigen oder für die ich sogar »ja« sagen muss.

Ich habe zu meinen Studenten immer wieder gesagt: »Sie müssen sich ganz früh nach der Ausbildung im Beruf entscheiden. Entweder für ihren Kopf und ihre Seele oder dafür, schon zwei oder drei Jahre nach ihrer Ausbildung einen Audi A7 als Dienstwagen zu fahren. Das eine und das andere sind nicht kompatibel.«

Mein guter Bekannter Sven Giegold hat mir mal nach einer Veranstaltung gesagt: »Ich könnte mich 30 Tage im Monat, zwölf Monate im Jahr, jeden Tag von einem grandiosen Frühstück bis zum Abendessen in den besten Lokalen Brüssels frei ernähren. Ich bräuchte keinen Cent. Du hast gar keine Ahnung, wie viele Lobbyisten es in Berlin, Brüssel und sogar schon in Stuttgart gibt, die sich mit dir beim Essen unterhalten wollen. Und da gibt es keine Wiener Schnitzel…«“

Wolfram gibt mit jedem Satz und in jeder kleinen Geschichte der Leidenschaft Raum, die ihn umtreibt. Der Trauer über den Verlust eines menschlichen, sozialen und würdigen Miteinanders. Wo immer auf der Welt er ihm begegnet.

„Es macht mich fertig, dass sich die Kolonialstrukturen im Grunde genommen in neuer Form genau so wiederholen. Nur werden sie ausgebuffter und noch radikaler. So viele Bauern, wie heute durch die globalisierte Agrotechnologie und Landgrabbing in die Slums vertrieben werden – dagegen sind in manchen Ländern die Kolonialstrukturen fast noch harmlos gewesen.

Auf den afrikanischen Märkten liegen unsere Hühnchenabfälle, die Märkte werden mit unseren Agrarüberschüssen überflutet. In Jamaika waren die Läden voll mit deutschem Milchpulver. In Indien wird Ghee-Butter aus deutscher Überschuss-Butter hergestellt. Frauen mit einem oder zwei Büffeln verrecken da, weil keine Sau mehr ihre Milch braucht.

Doch dieses Europa und diese »Dritte Welt«, die kolonisierte, wir haben beide etwas gemeinsam: Die Tradition gegen das Unrecht, gegen die Barbarei, gegen die Unterdrückung, für die Menschenwürde, gegen die Abschlachtung, gegen die Plünderung aufzustehen.
Menschliche Visionen weiterzugeben, das bewegt mich. Du darfst nur nicht besessen davon werden. Du musst immer wieder neue Formen finden, weil die nächste Generation mit deiner Leidenschaft unter Umständen gar nichts anfangen kann. Du musst ihnen ganz vorsichtig klarmachen, ohne zu moralisieren, dass im Kongo die seltenen Erden für die Hightech-Rüstungsindustrie am Bodensee geschürft werden – oder auch für Satelliten, für Drohnen oder für die neueste Smartphone-Generation – von Rebellenarmeen, die ganze Regionen versklaven. In dieser Region wurden in den letzten zwei Jahren 400.000 Frauen vergewaltigt.

Das ist unendlich schwierig: Pasolini, Marcuse haben schon in den 1960er Jahren die ganz großen Analysen gemacht und daran hat sich bis heute nichts geändert: Diese Gesellschaft wird verblödet durch Konsum! Sie hatten Recht.

Das ist schon manchmal sehr schwierig, da nicht verrückt zu werden. Ich bin sehr froh, dass ich damals nicht zum Alkoholiker geworden bin und keine Drogen nehme und nicht ins Puff muss, um mich auszutoben.“

„Das wäre eine Variante des Konsums.“

„Das wäre eine Variante, ja. Letzte Woche war ich auf einer Veranstaltung der ZF-University in Friedrichshafen: Der Menschenhandel, der Frauenhandel in Europa, erzielt mittlerweile höhere Umsätze und Gewinnmargen als Waffen und Drogen.

Da sind wieder diese Querverbindungen: Bestialität und Barbarei – das ist nicht nur ein Phänomen der vermeintlich Primitiven. Wir finden das genauso hier.“

„Und warum hast du die genug!-Erklärung unterschrieben?“

„Weil ich das Gefühl hatte, dass da Menschen sind, denen es ganz ähnlich geht wie mir. Und die genau so verzweifelt sind, weil nichts passiert. Die sind von hohem ethischem Bewusstsein, mit einem großen Wissen über die Zusammenhänge in der Welt. Sie sind einsam und brauchen Bündnisse, Partner, Netzwerke, in denen man sich gegenseitig Mut macht, sich gegenseitig austauscht, sich gegenseitig stabilisiert, sich gegenseitig auch sagt: »Weißt du was: Diese Depression kenne ich. Aber da müssen wir raus. Wir lassen uns von denen nicht die Agenda vorgeben.«“

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