Werde sesshaft, lebe autark und genieße das Leben

Nachhaltige Zukunftsperspektiven mit Hertha Beuschel-Menze und Frohmut Menze in Lichtenau

Seit vier Jahrzehnten engagieren sich Hertha und Frohmut für den Wandel in ihrer Region und legen dabei Strukturen für eine bessere Zukunft.

Ihr seid seit 1980 bei den Grünen aktiv?

Hertha: „Praktisch von Anfang an. Ich war 15 Jahre im Gemeinderat und davon fünf Jahre stellvertretende Bürgermeisterin.“ Frohmut: „Ich bin der Pressesprecher und Hertha war 30 Jahre lang die Vorsitzende.“

Und vor vier Jahrzehnten habt ihr einen Lehrmittelverlag gegründet.

„Ja genau. Wir haben Materialien für offenen Unterricht zu Atomkraft, zur Müllvermeidung und solchen Sachen gemacht – als das noch gar kein Thema war“, fährt Hertha fort. „Heute bin ich 72 und Frohmut ist 71. Der Verlag ist lange verkauft und jetzt kümmern wir uns in seit einigen Jahren um das Gemeinwohl-Forum und das Zukunftsfestival.“

Was ist das »Gemeinwohl-Forum«?

Hertha: „2012 haben wir das »Grüne Forum« gegründet, eben weil wir gesagt haben, es tut sich nichts in Baden-Württemberg. Das war auf einer Grünen-Kreisverbandssitzung auf der es wieder dermaßen langweilig zuging – da hättest du auch in der CDU sein können. Da ist dem Frohmut der Kragen geplatzt. Er hat gesagt: »Was geht denn hier eigentlich ab? Jetzt haben wir eine grüne Landesregierung! Wir müssen auf uns aufmerksam machen! Wir müssen sagen, wo es hingehen soll: Was wollen wir? Wir müssen doch auffallen jetzt!« Da gab es einen richtigen Eklat.“

Warum gab es einen Eklat?

Hertha: „Die wollten so weitermachen. »Formalia sind wichtig« war die Argumentation. Grüne sind halt auch keine besseren Menschen. Da haben wir zu viert gesagt: »Jetzt machen wir nicht mehr mit.« Wir sind nicht aus der Partei ausgetreten, aber wir sind nicht mehr hingegangen zu diesen Kreisverbands-Treffen und haben gesagt: »Wir machen was Eigenes«.“

Gemeinwohl-Forum & Zukunftsfestival

Frohmut: „Ja, wir haben gesagt: »Jetzt fangen wir selber an! Wir gründen einfach einen Verein, der hier in unserer Region das, was jetzt schon da ist, zeigt und damit klar macht, wo es hingehen müsste. Noch im ersten Jahr der Gründung haben wir unseren ersten Zukunftsmarkt mit ungefähr 50 Unternehmen aus der Region organisiert.“

Hertha: „Nach einiger Zeit waren wir 30 Leute und wir haben uns gesagt: Unser Thema ist Gemeinwohl, darum geht es. Dann nennen wir es doch »Gemeinwohl-Forum«. Das wollten erst nicht alle mitmachen, weil sie gesagt haben »grad erst recht jetzt nennen wir es ‚Grünes Forum‘«, aber »Gemeinwohl-Forum« drückt halt besser aus, worum es geht. Mit einer Enthaltung haben wir es dann umbenannt. Jetzt inzwischen sind wir 60 Mitglieder, aber die, die wirklich was machen, sind vielleicht zehn.“

Frohmut: „Immerhin!“

Hertha: „Die Stimmung ist immer unheimlich gut. Ich bleibe allein schon dabei, damit ich mit den Leuten weiter arbeiten kann. Weil wir ähnlich denken und gut drauf sind. Wir arbeiten heiter und nicht so verbissen und alle sind willig, was zu machen, sich zu engagieren.“

Frohmut: „Unsere Motivation ist eigentlich die, dass wir sagen: »Wir fahren mit Vollgas gegen die Wand und treffen überhaupt keine Vorbereitungen.«
Die fünf Weisen verkünden »1,8 Prozent Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr« und sogar in so kritischen Geistern wie mir macht sich dann dieses Gefühl breit: »Gottseidank, es geht irgendwie weiter.« 
Anstatt dass man sagt »Um Gottes Willen, es wird ja immer schlimmer - was machen wir denn da?!«

Da wollen wir mit dem Gemeinwohl-Forum ansetzen.“

Ihr habt den Fokus immer auf nachhaltige Zukunftsperspektiven gerichtet. Warum macht ihr das schon so lange? Warum interessiert euch das?

Hertha: „Der Frohmut hat eine E-Mail herumgeschickt, die fand ich so beindruckend. Und zwar hat er ein Foto in die Hand bekommen, von Leuten, die in Thailand Minuten vor diesem unglaublichen Tsunami am Strand stehen und schauen, wie sich das Wasser zurückzieht und wie hinten die Welle kommt. Die stehen da und gucken. Und ein paar Minuten später leben diese Menschen nicht mehr. Und da hat der Frohmut geschrieben: »So ähnlich sind wir. Wir wissen ganz genau, was auf uns zukommt.« Die Menschen am Strand wußten es nicht, die sind überrascht worden! Sie schauen ihrem eigenen Tod ins Gesicht. Wir wissen es und wir stehen auch nur da und glotzen.“ Frohmut: „Diese Schwarmdummheit der Menschen ist für mich unglaublich.“

Spannung & Zusammenhalt

Ihr habt euch mit Dreißig als Kollegen in der Schule kennengelernt. Habt Ihr schon immer an einem Strang gezogen?

Hertha: „Unsere erste Zeit war die Hölle! Nächte lang haben wir durchgestritten.“

Frohmut: „Hertha hat mir immer angedroht: »Mit 50 bin ich weg!« Gottseidank hat sie das vergessen.“

„Nein, das habe ich nicht vergessen. Du hast dich gebessert.“ grinst Hertha. „Es war so anstrengend, das Leben mit dem Frohmut! Da war mein einziger Trost, dass ich gedacht habe: »Wenn meine Kinder 17 oder 18 sind, dann gehe ich.«“

Was fandest du denn so anstrengend an ihm?

„Frohmut hat keine Ruhe, da muss immer irgendwas gehen.“

Aber da kannst du ihn ja einfach machen lassen…

„Ja, aber natürlich bin ich mit betroffen von seinen Handlungen! Der Frohmut hat immer neue Ideen und Projekte und sagt: »Hertha mach!«. Und dann mache ich das.
Alles was du hier draußen als Gras siehst: Das war Garten! Damals habe ich unser eigenes Gemüse angebaut; habe unterrichtet; habe Materialien für den Verlag erstellt; habe zwei Kinder gehabt und am Anfang noch den Opa – und meine Eltern, die ich auch begleitet habe. Das war schon sehr anstrengend.“

„Jeder war schon zuvor selbstständig. Mit Dreißig dann aufeinanderzutreffen – und jeder hat seine eigene Vorstellung – das war manchmal nicht leicht.“, erinnert sich Frohmut.

Hertha: „Aber irgendwann, mit der Zeit, wurde es immer netter und dann bin ich doch da geblieben.“

Was verbindet euch?

Hertha: „Wir finden genau das Gleiche großen Mist und genau das Gleiche lustig. Wir haben den selben Humor – da spornen wir uns richtig an, das war schon immer so.“

Als wir den ökologischen Fußabdruck von Frohmut und Hertha ermitteln, machen ihnen die Widersprüche zu schaffen, die zutage treten. Als nahezu Veganer mit moderatem Konsum müssten sie eigentlich vorne liegen. Aber das große, mäßig gedämmte Haus, die Flüge nach Portugal und die 20.000 Kilometer mit dem effizienten 7-Sitzer sorgen dann doch dafür, dass ihr Ressourcenverbrauch mit 5 globalen Hektar nur knapp unter dem deutschen Durchschnitt liegt. Wollten alle Menschen auf der Welt so leben, würden wir knapp 3 Erden benötigen.

Doch Frohmut und Hertha wären nicht die Menzes, wenn hierin nicht bereits im Kern schon wieder ein neues Projekt schlummern würde:

Frohmut: „Da hast du uns ganz schön erschreckt mit unserem globalen Flächenverbrauch! Wir hatten das natürlich erfolgreich verdrängt durch unseren Ablasshandel bei Atmosfair.
Aber wir sind dran am Thema. Wir sind dabei, neue Prioritäten zu setzen und ich plane vom 20. Mai bis 20. September eine Auszeit. Ich sitze gerade an unserer ersten Gemeinwohlbilanz, die ich bis Ende Januar abgeschlossen habe. Dazu starten wir ab Dezember ein Haushaltsbuch, um detailliert unsere Alltagsausgaben zu erfassen.
Danach wissen wir mehr – vielleicht. Wir sind also mitten in der Diskussion und der Veränderung.“

Gemeinwohlbilanzierung und Gartenarbeit

Wie sähe eine gute Zukunft für euch aus?

„»Werde sesshaft, lebe autark und genieße das Leben.« Das ist unser Motto.“ sagt Frohmut und erklärt mir auch sogleich, was es damit auf sich hat:

Sesshaft werden: Das geht gar nicht anders!

Autark: In der Zeit, die du nicht am Arbeitsplatz verbringst, sorgst du dafür, dass du autark wirst. Von der Stromversorgung über Pflege, Bildung, Ernährung und Kultur: Das musst du alles selber erzeugen. Das ist die persönliche Ebene. Und dann gehört dazu, dass sich die Region unabhängig macht von den großen Zusammenhängen.

Das Leben genießen: Die Zeit, in der du nicht mehr arbeiten musst, sondern deinen Garten machen kannst oder deine Freundschaften pflegst oder dich um deine Kinder kümmerst: Das musst du einfach genießen!

Es ist alles da! Und die Digitalisierung hilft dir sogar dabei.“

Deine Erklärung zu »sesshaft werden« habe ich nicht verstanden.

„Nicht immer rumfliegen“ sagt Hertha und lacht. Frohmut ergänzt: „Ein Freund von uns ist Biobauer hier am Ort. Dessen Eltern sind zweimal in ihrem Leben über den Rhein gekommen. Das waren ihre größten Reisen.“

Hertha: „Das muss man ja nicht in der Form wiederholen. Aber dieses »ständig irgendwo anders sein wollen« – das ist schon verrückt!“

Und wie stellst du dir eine gute Zukunft vor, Hertha?

„Im Wesentlichen so, wie es ist - was meine persönliche Zukunft betrifft. Ich bin ein Mensch, der die Natur liebt. Es macht mich glücklich, auf ein Weizenfeld zu schauen und ich genieße die Jahreszeiten.

Davon hätte ich gerne ein wenig mehr – ein bisschen weniger Stress und Sorge und mehr Gelassenheit - zu sagen »OK, es geht seinen Weg. Ich tu, was ich kann und ansonsten nimmt es halt seinen Lauf.« Ich will mir nicht so einen furchtbaren Kopf machen müssen. Und dann mache ich es trotzdem. Und im Prinzip möchte ich ja auch noch ein bisschen was machen.

Ich möchte ein gutes Leben leben können und vor mir selber bestehen können. Mir sagen: »Gut, ich habe es versucht«. Ich will ein Beispiel geben und lass keine Diskussion an mir vorbeigehen, sondern mische mich ein. Aber altersentsprechend möchte ich weniger Stress. Ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben habe, da soll es schön sein.“

Gibt es etwas, das du dir für die Zukunft wünscht?

„Ich wünsche mir, dass das Pendel wieder ein bisschen in die andere Richtung ausschlägt und dass die Menschen erkennen, dass sie »auf Pump« leben."

Frohmut, gibt es etwas, das du dir für die Zukunft wünschst?

„Dass ein paar Vernünftige nachkommen, die das weiterführen. Dass sich die Vernünftigen zusammenschließen und die Machtfrage stellen - einfach, dass sich die Vernunft durchsetzt.“

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