Wenn wir ein wenig präsenter wären, würde das Vieles verändern

Durch Buchrain mit Ursi Müller

Ich sitze im Bus nach Buchrain, einer Gemeinde am Stadtrand von Luzern. Ursi empfängt mich an der Haltestelle und wir gehen zusammen durchs Dorf zu ihrem Haus. Sie schiebt ihr Rad neben sich her. Am Lenker baumelt die Einkaufstasche mit den Lebensmittel-Einkäufen aus dem Supermarkt.

„Ich fahre sehr gerne Velo! Auf dem Rad von der Schule in Luzern heim zu fahren, das ist ein Geschenk.“

Ursi hat kein Auto und mag auch keines haben.

„An dunklen Herbstwochenenden würde ich machmal gerne schnell hoch auf den Berg fahren – das ist wirklich die einzige Gelegenheit im Jahr, wo ich ein Auto vermisse.
Das Velo gibt mir ein direktes Feedback auf meine Konstitution, ich spüre wie viel Energie ich habe. Einmal im Jahr gebe ich es zur Inspektion und kriege dann für einige Tage ein Leih-E-Bike. Jedes Mal beschleunigt sich mein Leben. Ich bin dann froh, wenn ich meine Wege wieder mit dem Velo zurücklegen kann, in meiner Geschwindigkeit.“

Und warum hat Ursi die genug!-Erklärung unterschrieben?

„Wir müssen fürschi machen! Im Radio höre ich viele spannende Beiträge, die bestätigen, was ich eigentlich ahne und allenfalls weiß. Ganz gleich, ob es um Klimaveränderung, Energie oder Konsum geht. Ich höre, was wir tun sollten, welche neuen Erkenntnisse es gibt, wie viel Zeit wir noch haben. Es macht mich ein wenig schlauer – ich bin dann aber auch wie legitimiert, das weiter auszuhalten, so kommt es mir manchmal vor. Überall wird darauf hingewiesen: Mensch erwache! Das betäubt einen irgendwie – ich brauche dann wie einen Klaps.
Schlußendlich stehe ich dann beim Einkaufen vor dem Regal und überlege: Kaufe ich jetzt den Joghurt im Plastikbecher? Ja oder nein? Aber das reicht doch nicht – wenn ich zugleich all das, was ich lese oder höre ernst nehme!“

Ja, das braucht einen Kulturwandel.

„Aber Wandel klingt so nach »in den nächsten 50 Jahren«. Ich will nicht auf Katastrophe machen, überhaupt nicht. Aber es kann doch einfach nicht sein, dass es mit den Emissions- und Plastikmengen noch lange so weitergeht - wenn man daran denkt, wie groß die Erde ist und wie viele Menschen auf ihr leben. Ich komme schnell in eine Art Lethargie: Es ist so ein bescheidener Beitrag, wenn ich da vor dem Regal stehe und mich frage, ob ich den Becher nehme oder nicht. Da muß ich fast lachen.
Wenn ich meinen Alltag anschaue, dann ist das Thema endlos. Ich habe den Eindruck, ich mache überall ein wenig. Aber bei all den kleinen Schritten siehst du, was noch mehr möglich wäre. Und wie finde ich heraus, wo es was bewirkt? Wie finde ich heraus, wie ich am schlauesten meine Energien einsetze? Oft rege ich mich mehr darüber auf, als dass ich handle.“

Dabei ist Ursis Engagement deutlich messbar und benennbar. Eine und eine halbe Erde würden wir brauchen, wenn alle Menschen wie Ursi leben wollten. Damit braucht sie halb so viel Ressourcen, wie im schweizerischen Durchschnitt üblich. Als nahezu Vegetarierin und Radfahrerin hat sie die Nase vorn. Der Anteil regionaler und unverpackter Produkte könnte noch höher sein.

„Das Thema Einkauf stresst mich – aber wir haben hier im Dorf nur den einen Migros-Supermarkt und einen Markt gibt es nur zweimal die Woche in Luzern.“

Vor allem das große mässig isolierte Haus – wenn auch mit Erdwärme beheizt – verhagelt ihr indes die Bilanz, die einen Landverbrauch von 2,5 globalen Hektar ausweist. Ursi indes korrigiert sogleich die Ergebnisse meine Kurzanalyse:

„Oh nein, Dirk, das ist falsch! Zwar bin ich noch keine zehnmal geflogen in meinem Leben, aber gerade dieses Jahr bin ich auf eine europäische Insel geflogen! Es war nicht meine Initiative und auch nicht mein Wunsch. Doch wenn Freundinnen sagen, komm doch auch mit, dann mache ich ab und zu Sachen, die ich eigentlich »nicht will« –, mit schlechtem Gewissen auf der einen Seite und ganz schönen und erholsamen Ferien schliesslich auf der anderen Seite!

Dieses zwiespältige und widersprüchliche, mit meinen Wertvorstellungen eigentlich unvereinbare Verhalten, legitimiere ich in meinem Innersten dann genau damit, dass ich doch sonst einiges versuche und tue, um ressourcenschonender zu leben. Zudem scheint mir mein inkonsequentes Ferienverhalten eben auch typisch für Viele von uns: Als Ausnahme mal nicht tun, was ich tun sollte... Ist das ein verzeihbarer Ausrutscher, eine nachvollziehbare Inkonsequenz? Oder darf ich das etwa gar aufwiegen mit den vielen gefahrenen Velokilometern – oder mit vielen nicht gefahrenen Autokilometern? Und wenn, warum denn?“

Dann wird es still. Nach einer ganzen Zeit fügt Ursi hinzu:

„Wir verhalten uns schon dumm. Wenn wir unseren Grips ein klein wenig gebrauchen würden! Wenn wir beim Einkaufen nur ein klein wenig mehr nachdenken würden! Wir haben Potential, das wir nicht nutzen. Aber gut, ich fange jetzt bei mir an.“

Was wünscht sich Ursi?

„Frieden und Zeit.“

Und wie sieht eine gute Zukunft aus?

„Ich würde mir wünschen, die Leute merken, es ist genug.
Das Stichwort Achtsamkeit kommt mir immer wieder in den Sinn, auch wenn es mittlerweile ein verbrauchtes Wort ist. Mir fällt im Alltag auf, wie unbewusst wir uns oft verhalten. Wenn wir ein wenig präsenter wären, ein bisschen mehr spüren, ein bisschen mehr wahrnehmen… Das würde Vieles verändern. Wir sind oft in diesem »ich mach einfach mal, weil die anderen machen es ja auch so« drin.“

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