Tun, was man tun kann

Nachdenken über Entschleunigung, Plastikmüll, Zufälle und Vertrauen. Eine Waldwanderung zur A7 mit Frank Börner in Großburgwedel

„Hier in Burgwedel ist es relativ ruhig und es geht noch relativ gesittet zu, aber trotzdem wirst du auch schon mal mit »Heil Hitler!« begrüßt. Das ist eines der Themen, das mich sehr beschäftigt. Dieser gesellschaftliche Wandel macht mir schon ein bißchen Sorgen. Ich hoffe immer, dass alle Menschen aufeinander zugehen und vernünftig werden.“

Ich bin mit Frank auf »seiner Runde« zum Wald. Unser Weg führt an langen Reihen von Eigenheimen vorbei hinaus auf die Wiesen und Weiden vor den Toren der Stadt. Frank ist Softwareentwickler und lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern seit mehr als einem Jahrzehnt in Großburgwedel.

„1996 bin ich wegen der Arbeit in den Westen nach Hannover gekommen und habe dann bald angefangen, mit Delphi als Programmiersprache zu arbeiten. Hier in Großburgwedel haben sie dann Jemanden mit meinen Fähigkeiten gesucht, so bin ich hier gelandet.

Warum hast du genug! unterschrieben?

„Das Interesse an diesen Themen – Natur, Umwelt und Gesellschaft –, das war schon immer da!“

Frank holt aus dem Rucksack eine Plastiktüte, geht auf den Randstreifen zu, bückt sich und hebt eine zusammengeknüllte leere Zigarettenschachtel auf. Von nun an schreitet Frank alle 100 Meter mal hierhin und mal dorthin aus, um Müll und Verpackungsreste am Wegesrand und im Unterholz aufzusammeln und in seine weiße Tüte zu legen.

„Das Ganze hat sich entwickelt, weil ich immer diese sechs Kilometer mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre. Die erste Zeit bin ich nur durch Müll gefahren – da fing es dann an. Nach und nach habe ich die ganze Strecke aufgeräumt – und die ist heute noch in Ordnung! Heute nehme ich jeden Tag auf der Strecke noch fünf oder sechs Stücke mit.

Wenn ich wandern gehe, nervt es meine Familie ein wenig, aber ich glaube, die verstehen das auch. Sie finden es gut, würden es aber selber nicht unbedingt machen.“

Mir geht es ganz ähnlich: Das ist ein wenig nervig, aber irgendwie auch richtig cool, dass Frank ganz nebenbei auf unserem Spaziergang unbeirrt aufräumt.

„Mir stellt sich nicht die Frage, wer das hier hingeschmissen hat. Für mich zählt nur: Das ist jetzt weg! Ich beschäftige mich viel mit Umweltfragen, Recycling, Mikroplastik…“

Frank zeigt auf den Entwässerungsgraben entlang unseres Weges.

„Das Wasser von hier fliesst durch irgendwelche Gräben in den nächsten kleineren Bach und dann nimmt es seinen Lauf. Mit hoher Wahrscheinlichkeit landet der Müll, der hier liegt, auch im Meer - und wird auf dem Weg so lange zerhäkselt und zermahlen, bis er zu Mikroplastik wird.“

Jetzt weiß ich aber immer noch nicht, warum Frank die genug!-Erklärung unterschrieben hat.

„Weil mich die Themen interessieren. Was mich aber vor allem angesprochen hat, ist, sich mit anderen auszutauschen und da wo es für jeden einzelnen vernünftig ist, in die Tiefe zu gehen und noch mehr zu machen.

Ich finde es unglaublich spannend, andere Leute und ihre Sichtweisen kennenzulernen. Man muß ja nicht immer einer Meinung sein, aber man tauscht sich aus und sieht danach Manches mit einem anderen Blick und aus einer anderen Perspektive.

Viele wollen gar nicht mehr zuhören. Jeder kriegt nur noch die Infos, die er gewählt hat. Es ist wichtig, sich zuzuhören und wirklich zusammenzukommen – bevor man sich die Köpfe einschlägt.

Es tut auch gut, mal zu merken, dass es nicht nur diese Vollpfosten gibt, die am lautesten schreien. Sondern dass es auch vernünftige Leute gibt. Diese Leute müssten ein bißchen lauter werden und sich mehr zeigen. Es ist an der Zeit, Flagge zu zeigen. Aber wenn die Schreihälse noch lauter und noch dreister werden, dann kann es schon passieren, dass man persönlich angegangen wird. Das hätte ich mir nie vorstellen können, dass es mal so weit kommt, aber das ist leider so. Die Tendenz ist da und sehr, sehr erschreckend.“

Was ist Frank im Leben wichtig?

„Zufälle entscheiden unser ganzes Leben. Wir bilden uns immer ein: »Ich durch meine harte Arbeit habe mir das alles verdient! Und deswegen bin ich so gut und deswegen steht mir so viel zu!« Das sind so viele Zufälle, die dazu führen, dass etwas möglich wird. Am Ende kannst du oftmals doch gar nicht so viel dafür; es ist einfach eine glückliche Fügung.

Das habe ich meinen Kindern immer vermittelt. Die sind halt in der Schule sehr gut und mein Sohn ist ein kleines mathematisches Genie - dem fällt alles ganz leicht. Ich sage dann: »Denkt dran: Ihr habt dafür nichts gemacht. Euch wurde das geschenkt - das ist eine Gabe!« Man kann nichts dafür, dass man so gut ist - und dann kann man sich auch ein bißchen zurücknehmen.“

Zieht ihr da innerhalb der Familie an einem Strang?

„Meine Frau und ich sind fast 30 Jahre zusammen. Also die Grundwerte stimmen! Als die Zwillinge klein waren, war meine Frau fünf Jahre lang für sie da. Das hat unseren Kindern so gut getan. Die sind so gut geraten! Das Nichtvorhandensein des üblichen Alltagsstresses hat sicher auch damit zu tun.

Diese Art von Entschleunigung ist uns sehr wichtig geworden. Samstags einfach mal spontan mit meinem Sohn einen Tag lang zum 96-Spiel nach Hannover fahren – es sind oft kleine Dinge.

Auch bei Urlauben setzen wir auf einfache Lösungen und kurze Wege. Ich bin halt sehr naturaffin und liebe die deutsche See. Früher waren die Pauschalurlaube manchmal ein Spießrutenlauf, weil überall irgendwelche Leute nur an Deine Kohle wollten.

Wenn die Kinder dann mal ausziehen und unsere Wohnung zu groß wird, können sich meine Frau und ich gut vorstellen, dass wir uns einem Mehrgenerationen-Projekt anschliessen – weil wir das beide gerne mögen.“

Eine ganze Zeit schon wandern wir durch einen lichten Wald. Und unversehens finden wir uns auf einem Fusspfad entlang der Autobahn wieder. Wir brüllen gegen das Donnern der Fahrzeuge an und waten durch ein Meer von Verpackungen, Plastikresten und Müll. Dinge, die aus den Fenstern der Autos ihren Weg auf den schmalen Waldpfad gefunden haben, der parallel zur Autobahn 7 nach Hamburg verläuft. Hier und da hebt Frank etwas auf und geht weiter.

„Da muß man dann auch mal loslassen können: Du kannst die Welt nicht an einem Tag retten und du kannst auch nicht alles an einem Tag aufräumen. Aber noch habe ich Platz in meiner Tüte.“

»Das tun, was man tun könnte«: Ist das ein Lebensmotto für dich?

„Ich sage immer: »Nicht lang schnacken, anpacken«. Gelabert wird immer so viel – im Erzählen sind sie sowieso alle die Größten. Aber wenn es dann wirklich mal darum geht, etwas zu tun – gerade das, was man auch kann…

Ich gehe so mit meinen Mitmenschen um, wie ich es auch gerne hätte. So wie ich es mir wünsche, dass alle wären, und dass sie mit mir so umgehen – hilfsbereit, sehr offen.

Aber da sind die Ossis auch auf die Schnauze gefallen nach der Wende. Die ostdeutsche Mentalität war sehr offen. Damals hast du dich noch dreimal dafür entschuldigt, wenn du einen Vertreter wieder aus der Wohnung rausgeschickt und nichts bei ihm unterschrieben hast.

Die Mentalität der Westdeutschen war da eher so, sich bedeckt zu halten, erst mal zu gucken und vor allen Dingen vorsichtig zu sein. Mit einer gewissen Naivität rennst du da auch ganz schnell mal ins offene Messer.“

Frank schaut auf seine sichtbar gefüllte Tüte.

„Das hat sich doch richtig gelohnt. Aber ich maße mir jetzt nicht an, hier die Autobahn aufzuräumen. Ich denke: Einfach was machen! Und wenn es das Einfachste ist! Nicht erst auf Andere warten oder darauf, dass diese und jene Rahmenbedingungen erfüllt sind.“

Er hält inne, denkt kurz nach, um dann fortzufahren.

„Es gibt Millionen von Menschen, die vernünftig sind, aber auf ihrem Sofa sitzen.“

Wie stellst du dir eine gute Zukunft vor?

„Für mich persönlich könnte alles so bleiben, wie es ist. Im Umfeld aber wünsche ich mir keine schlechten Nachrichten auf der Welt: kein Haß, keine Kriege, kein Elend, keine Armut. Zumindest die wichtigsten Bedürfnisse müssten befriedigt werden. Aber das ist so eine Utopie… Trotzdem: Das würde ich mir vorstellen.

Man braucht auch wirklich nicht so viel, sondern sollte sich rückbesinnen: Auf Nachbarschaft, auf das Leben miteinander, schöne Erlebnisse miteinander.
Man muß auch nicht der Technik dermaßen hinterher hecheln. Sicherlich hat Technik mit Fortschritt zu tun, das ist ja auch in Ordnung. Aber es muß nicht solche Ausmaße annehmen.

Was ich sehr vermisse, ist die Nachhaltigkeit bei materiellen Dingen. Früher konntest du noch alles reparieren, heutzutage ist das nicht mehr wirtschaftlich.“

Frank erzählt mir von seiner alten Brotmaschine, an der ein Plastikkontakt ausgebrochen war. Am Ende war der Schaden recht einfach zu reparieren. Das war vor einem Jahrzehnt und die Maschine läuft bis heute.

„So ein Typ bin ich halt: Ich versuche, alte Dinge am Leben zu halten und ich brauche auch nicht immer das Neueste. Vielleicht waren wir im Osten auch mit Weniger zufrieden. Wir haben viel recycelt und gelernt mit dem zufrieden zu sein, was wir haben. Bei meinen Opas war das ganz extrem - durch die Kriegs- und Nachkriegssituation – vielleicht steckt das auch noch ein bißchen in mir.

Eigentlich sind wir ganz bodenständige Typen, meine Familie, meine Frau und ich. Und so was wünsche ich mir halt… Der hanseatische Handschlag, das ist so ein Beispiel für mich: »Ein Mann, ein Wort - abgemacht.« Und da gibt es keine Klauseln, kein Kleingedrucktes, mit dem ich den Anderen dann hinterher bescheiße. Das ist das, was ich gerne hätte: Vertrauen fassen zu können.“

Und gibt es Etwas, das du fürchtest?

„Oh ja! Folter zum Beispiel! Das ist so eine Art Trauma, ich weiß gar nicht, woher das kommt. Das ist so eine Furcht vor einer totalitären Gesellschaftsordnung, wo wirklich offene Gewalt herrscht. Wie der Mensch tickt und sich verhält, das ist so eine Sache: Es sind nicht alle Idealisten!“

Frank ist mit seinen regionalen Urlauben, der kompakten Mietwohnung für die fünfköpfige Familie und als Radfahrer auf einem guten Weg, wenn es um Ressourcenschutz geht. 1,6 Erden würden wir brauchen, wenn alle so leben wollten wir er. Doch Frank hat bereits die nächsten Schritte im Blick:

„Das erste ist der Ökostrom. Das steht bei uns an, dass wir wechseln. Und dann geht es um die Ernährung.“

Derweil erreichen wir durch eine Hintertür im Großburgwedler Amtspark den Garten an Franks Haus.

„Hier werkel ich ein bißchen im Garten rum, auch für die Nachbarin. In Hannnover hatte ich mir immer mal so ein bißchen Grün gewünscht. Aber dass es gleich soviel wurde - das war phantastisch.“

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