Sich selbst genug sein

Auf dem Meditationskissen mit Thomas Meyer in Schirmitz

„Ich habe als Kind eine sehr enge Beziehung zur Natur gehabt. Wir haben direkt am Wald gewohnt. Als ich fünf, sechs Jahre alt war, habe ich Unmengen an Zeit im Wald verbracht. Ich war ein wenig einzelgängerisch. Nicht, dass ich das wollte – ich konnte die Begeisterung mit den anderen Kindern einfach nicht teilen. Im Wald habe ich einen tiefen Frieden und eine tiefe Verbundenheit empfunden.“

Hast du wirklich eine Erinnerung an diese Zeit? Da warst du ja noch sehr jung!

„Die ist im Sitzen wiedergekommen. Im Sitzen sind viele Sachen wiedergekommen, die verschüttet waren.

Als ich 15, 16 Jahre alt war, habe ich gesehen, wie die Menschen handeln – das war die Zeit der lateinamerikanischen Befreiungsbewegung: Nicaragua, El Salvador, Chile. Es entstand diese Grundfrage, die mich auch heute noch umtreibt: Warum ist die Welt so, wie sie ist? Als Jugendlicher entstand die Motivation: Das mußt du ändern!

Ich bin im Westerwald behütet auf dem Land groß geworden und hab mich mit Kommunismus und Anarchismus beschäftigt und zur Zeit von Wackersdorf ist es darin geendet, dass ich mich in der linksradikalen Szene eingebracht und die Fundamentalrevolution als Weg gewählt habe. Da bin ich zum ersten Mal an den Menschen gescheitert.“

Woran bist du gescheitert? An der Polizeigewalt und den politischen Entscheidungen für Atomanlagen?

„Nein, daran, wie die Leute miteinander umgegangen sind, wo jeder sein Ego vor sich her trägt – wo man sich noch nicht mal auf eine gemeinsame Erklärung einigen kann, weil jede Gruppe nur für sich und gegeneinander agiert. Und ich habe gesehen, dass alle Versuche der Welt, gerechtere Systeme aufzubauen, letztendlich immer in totalitären Systemen geendet sind. Selbst in Nicaragua.

In dieser Zeit habe ich viel Reggae-Musik gehört. Nachdem ich mich aus der Szene zurückgezogen hatte, war es für mich ein leichter Schritt, mich dem Reggae und dem Rasta-Glauben zuzuwenden. Die waren ja nicht so unterschiedlich von der Zielrichtung, die ich als Anarchist und Autonomer hatte: Gegen Unterdrückung, gegen Ausbeutung, gegen Sklavenhaltung. Dieses System ist Babylon! Dieses System muß fallen! Wir sind alle unterdrückt! Aber Rasta war ein spiritueller Weg. Ich musste nicht mehr selber kämpfen, sondern konnte es in Gottes Hand legen.

Ich habe dann angefangen, die Bibel zu lesen und von meiner Grundüberzeugung mußte ich wenig ablegen. »Burning and Looting« - das hat schon alles zusammengepasst. Damals, als der Rasta-Glaube noch jung war und nach Europa gekommen ist, war es eine Befreiungsbewegung, das war damals eine Befreiungstheologie, eine Befreiungsmusik: »Afrika survive!«.
Ich habe Bücher gelesen über Rasta, habe mich mit der Person von Haile Selassie auseinandergesetzt - aber damit war ich ganz alleine. Ende der 80er Jahre lernte ich dann Leute kennen, die begonnen hatten die Organisation der »Zwölf Stämme Israels« in Deutschland aufzubauen. Das ist eine Organisation von Rastas, die in Jamaika gegründet worden war, von einem Mann namens »Prophet Gad«. Das Ziel war, die zerstreuten Stämme Israels zu sammeln und über Haile Selassie in Äthiopien wieder mit dem Königshaus Davids zusammenzuführen.

Dort habe ich meine Frau kennengelernt. Wir haben mit Rastas aus Mittelfranken eine WG gegründet. Eines Tages, am 2. November, dem Krönungstag Haile Selassies, standen ein paar mit Dreadlocks vor unserer Haustür. Die waren aus der Oberpfalz und so sind wir dann in diese Region gekommen. Wir haben uns getroffen, Parties gefeiert, Bibel gelesen und sind immer mehr geworden. 1995 kam dann der Prophet nach Deutschland und die Organisation wurde offiziell gegründet. Zuerst hatte ich als »Executive« den Stamm Zebulon repräsentiert. Später habe ich die Funktion des »Repräsentanten« übernommen.“

Und wie seid ihr über die Runden gekommen?

„Mehr schlecht als recht. Irgendwann hatte ich schon in Mittelfranken angefangen, im Landschaftsgartenbau zu arbeiten, weil das Geld nicht mehr gelangt hat. Hier in der Oberpfalz habe ich auch als Gärtner gearbeitet – aber das war in der Zeit nie ein Problem für mich: Ich war ja eh davon überzeugt, dass Babylon bald untergeht. Große Vorsorge hat mich da nicht interessiert.“

Draussen vom Flur aus ruft uns Mary zu Tisch. Das Essen ist fertig.

„Wir haben wirklich in der Vorstellung gelebt: Wir leben in der letzten Zeit. Das Volk Gottes wird gesammelt und jetzt kommt dann das jüngste Gericht Gottes. Aber gehen wir erst mal Essen…“

Thomas und Mary sind seit 25 Jahren verheiratet. Mary, Tochter einer Krankenschwester aus Tansania, ist in Duisburg aufgewachsen. Ihr Lachen und ihr großes Herz füllen jeden Winkel der Dachgeschosswohnung.
Gesellschaft leisten uns Socke, die schwarze Katze mit weißen Pfoten, die Thomas als aufgegebenes Katzenbaby ins Leben getragen hat und Kira, die durch und durch gutmütige Bernersennen-Mix-Hündin.

Nach dem Mittagessen mit Mary machen Thomas und ich einen langen Spaziergang durch den Wald.

Thomas und Mary bekamen zwei Söhne. Nachdem Thomas die Funktion des Repräsentanten übernommen hatte, konnte er nicht anders, als seiner Berufung zu folgen und legte bald schon seinen Job nieder, um sich ganz der Arbeit für die Rasta-Gemeinschaft zu widmen. Mir wird klar, dass Thomas ein außergewöhnliches Leben geführt hat und dass er eine ganze Zeit lang sozusagen der »Chef-Rastafari« Deutschlands war. Wow! 
Doch über die Jahre setzt ihm der Stillstand innerhalb der Gemeinschaft zu. Die Tätigkeit und zunehmende Spannungen und Widersprüche in der Gemeinschaft nagten an ihm, bis er 2002 von der Funktion zurücktritt und seine erste Reise nach Äthiopien, in das gelobte Land der Rastafari, antritt. Er verbringt dort mehrere Monate und verliebt sich zutiefst in das Land und seine Menschen. Er kommt mit neuen Projektideen heim, die in der Gemeinschaft jedoch keinen Zuspruch finden. 

„Als ich aus Äthiopien zurück kam, bin ich in ein wirklich tiefes Loch gefallen. Ich konnte nicht nach Äthiopien zurück und die erhoffte Unterstützung aus der Gemeinschaft blieb aus. Ich brauchte dringend Hilfe – und die konnte mir die Organisation beim besten Willen nicht geben. Mein Hausarzt hat dann gemanaged, dass ich relativ zügig nach Bad Kötzting in die TCM-Klinik gekommen bin. Das ist irgendwas mit mir passiert. Ich kann dir nicht sagen, was. Ich habe da Kontakt zu Qi Gong bekommen und das hat mir so was von gut getan! Ich habe seitdem nie aufgehört, Qi Gong zu machen!

Ich war zum ersten Mal aus allem raus und dann war da eine Atmosphäre der Stille. Für mich, der so viele Jahre von Parties und lautem Gelärme umgeben war, war das eine Stille, die ich sehr lange nicht erfahren hatte. Ich wußte mit einem Mal: So kannst du nicht weiterleben! Ich wußte nicht wie, da war nicht der Gedanke »ich geh jetzt weg von Israel«. Mit einem Mal konnte ich mir aber vorstellen alles loszulassen, um wieder eine solide Basis für mein Leben zu bekommen.

Und dann ist mir eine Anleitung von Meister Dōgen zum Sitzen in der Stille begegnet. Ich wußte noch nicht mal, dass das Buddhismus ist: »Beine kreuzen, Rücken gerade, Kopf hoch - und sitzen! Einatmen, ausatmen.«
Und das ging! 
Ich habe eine ganze Zeit lang gesessen und alles, was mir auf der Seele gelegen ist, konnte ich abfallen lassen. Ich habe Mengen geheult in der Zeit - weil ich vor allem gesehen habe, wie ich war. Wie böse die Menschen waren, das war leicht zu verarbeiten. Aber wie ich war: Meinen Kindern gegenüber als Übervater, mit Strenge habe ich sie an die Wand gedrückt. Kennst du in »Herr der Ringe« die Szene, wo der Zauberer auf einmal so groß wird? Meine ganze Egobezogenheit habe ich gesehen.“

Wir stehen an einem kleinen baumumstandenen Weiher.

„Dies ist hier der Ort, wo ich im Sommer zum Meditieren hinkomme.
Wie Buddha gesagt hat: Er geht raus und sucht sich im Wald einen ruhigen Ort unter einem Baum.“

Und das hast du beim Wort genommen?!

„Ja klar, das liegt ja bei mir vor der Haustür. Der Hund, der ist immer dabei.“ sagt Thomas, und zeigt auf Kira, die sich neben ihn gelegt hat.

„Irgendwann gab es dann in der Buchhandlung einen Ausverkauf mit Büchern für 50 Cent. Eigentlich hatte ich nach Titeln über Tai Chi oder Chi Gong Ausschau gehalten, aber da gab es nichts. Da war ein Buch von der Charlotte Beck: »Zen im Alltag«. Für 50 Cent konnte ich das ja mal mitnehmen… Irgendwann hatte ich mal nichts anderes und habe dieses Buch gelesen und wußte: Das ist es! Und dann war klar, ich brauche einen Lehrer. Das Buch hatte mir die Tür geöffnet. Ich wußte, dass es eine Richtung gab, in die ich wieder rausgehen konnte – denn ich hatte mich enorm zurückgezogen.

Ich bin froh, dass ich zunächst in der Sangha von Thich Nhat Hanh gelandet bin und dort der Praxis der Achtsamkeit im Alltag begegnet bin. Direkt zum Zen, das wäre einfach gewesen: Ich wäre dann halt kein Heiliger von Israel mehr, sondern ein heiliger Meditierender, ohne etwas in mir und meinem ganzen Wesen zu ändern.

Heute praktiziere ich Zen bei meinem Lehrer Fumon Nakagawa Roshi im Zen Zentrum Eisenbuch.

Zen ist für nichts gut. Wenn du von Zen etwas erwartest, wird er dich enttäuschen. Einfach nur zu sitzen und zu atmen: Das kann enorm langweilig sein! Aber es lehrt mich auch: Alles ist vollkommen, so wie es ist.“

Zurück in der warmen Wohnung trinken wir gemeinsam mit Mary einen Tee. 
Warum hat Thomas die genug!-Erklärung unterschrieben?

„Ich will wieder mehr rauskommen und aktiv werden, mich engagieren. Selbst wenn ich definitiv wüßte, dass die Welt nicht mehr zu retten ist, lebe ich trotzdem so, als wäre sie zu retten.

Es geht nicht darum, ob ich etwas verändern oder retten kann. Es geht darum, dass ich für mich so handle, als wäre es möglich. Wenn die Welt untergeht, geht sie unter. Das ist für mich kein Ende. Es geht um die Frage: Wie habe ich mich dazu verhalten?

Als Rasta habe ich in dem ganzen Business mitgemacht. Alles in mich reingestopft, alles konsumiert. Das war alles Babylon! Und ich habe in der selben Geisteshaltung gelebt, wie die Menschen, die ich kritisiert habe – für all die Scheiße, die sie machen.

Das habe ich durch die Achtsamkeitsübungen gelernt: Es bringt mir gar nichts, wenn ich das nicht bin, was ich rede.“

Was sind die Achtsamkeitsübungen?
 
Thomas nimmt einen Merkzettel zur Hand und trägt sie mir vor.

5 achtsame Praktiken

Möge ich mich des Nehmens von Leben enthalten

Möge ich mich des Diebstahls enthalten

Möge ich mich des sexuellen Fehlverhaltens enthalten

Möge ich mich der Lüge enthalten

Möge ich mich des unachtsamen Konsums oder des Benutzens berauschender Mittel enthalten

„Wobei die Praktiken eine weitaus tiefer gehende Dimension haben. »Möge ich mich des Nehmens von Leben enthalten« schließt alles Leben ein. Ob es um einen Käfer, einen Vogel oder einen Grashalm geht, den man unachtsam abbricht. Deshalb habe ich mich entschieden, vegetarisch zu leben.

»Sich des Stehlens zu enthalten« heißt nicht nur, dass ich nicht in ein Geschäft gehe und klaue, sondern auch: Kinderarbeit, die Ressourcen die in Afrika für ein Apfel und ein Ei aus dem Boden geholt werden – dass all das Diebstahl ist. Dort heißt es auch: »Im Bewusstsein des Leidens das durch Ausbeutung, soziale Ungerechtigkeit, Diebstahl und Unterdrückung entsteht.« All die Dinge gehören zu »nicht stehlen«.“

Gibt es Themen oder Inhalte, die dich an der genug!-Erklärung interessieren?

„Wenn sich etwas zum Positiven verändern kann, freue ich mich! Aber das Allerwichtigste: Wenn ich mir nicht selbst genug bin, wird es immer etwas geben, an dem ich mich stoße. Die Achtsamkeitsübungen in der Sangha von Thich Nhat Hanh haben mich auf den Weg gebracht. Im Zen habe ich dann den wesentlichen Punkt gelernt: Mir selbst genug sein! Wenn ich mir selbst genug bin, dann merke ich, wie viele Sachen ich eigentlich gar nicht mehr brauche. Das sind ja alles nur Ersatzbefriedigungen, die man sich aneignet.

Ich bin dankbar, dass mich meine Familie in all dem unterstützt. Wenn ich meine Frau nicht gehabt hätte, weiß ich nicht was geworden wäre. Wir haben uns immer vertraut, wir haben uns gefunden, wir sind füreinander bestimmt.“

Und wie sähe eine gute Zukunft für dich aus?

„Wenn die Menschen lernen würden, in Verbundenheit miteinander zu sein und Parteien überschreiten würden und im Interesse füreinander und für Natur und Umwelt zusammen wirken würden. Sich selbst beschränken. Kein Wirtschafswachstum mehr. Einfach ein Dasein. Das heisst nicht »zurück in die Steinzeit«! Aber was brauchen wir wirklich? Ich stelle mir kein bestimmtes System vor, doch es muß eine Änderung geben.“

Gibt es etwas, das du fürchtest?

„Ich fürchte für meine Kinder, weil sie eine dunkle Haut haben, dass der Nationalismus zunimmt.“

Gibt es etwas, was du dir wünscht?

„Dass ich meinen Weg zum Wohle meiner Familie und aller Wesen weiter gehe und dass alle Wesen glücklich sein mögen. Und dass ich einen kleinen Teil dazu beitragen kann. Auf der Arbeit, oder wo auch immer.

Ich kenne den Unterschied zwischen einem friedvollen Geisteszustand und einem ärgerlichen Geisteszustand. Wenn es wirklich über Grenzen geht, muß das klipp und klar gesagt werden, aber solange wie möglich geht es darum Dinge anzunehmen. Nicht zu ertragen, sondern anzunehmen in dem Bewusstsein tiefen Verstehens.

Ich habe Kinder und wünsche mir, dass auch sie Kinder bekommen und dass sie in einer guten, gesunden Welt leben können. Ich wünsche mir auch, dass all die Tiere und Pflanzen eine Daseinsberechtigung haben. Ich wünsche mir, dass die Tiere aus den Massenhaltungen herauskommen. Und ich freue mich, dass meine Familie viel mehr mitziehen konnte, als ich gedacht habe.

Was ich gar nicht mehr möchte, ist, fanatisch zu sein. Mir selbst gegenüber bin ich schon streng - mein Lehrer sagt: „Du bist nicht locker genug“. Damals war ich lockerer. Die Strenge kommt, weil ich nicht zurückfallen will in dieses Unbewußte.“

Mary lacht und erklärt mir: „Thomas ist nicht streng, aber sehr eifrig! Wenn er irgendwas gut findet, dann mit Haut und Haaren. 1000 Prozent! Der will auch immer was erreichen und vorbildlich sein.“

„Ich habe meine Erwartungen und meinen Eifer auf andere übertragen als Rasta-Repräsentant. Die haben sich von mir an die Wand gedrückt gefühlt.“ Und wieder lacht Mary und sagt: „Jakob und ich sagen auch schon mal Öko-Diktator zu dir.“

„Ich habe aufgehört, meine Sachen auf andere zu übertragen. Ich gebe Hinweise, aber ich diskutiere nicht mehr darüber. Bei allem was erzwungen ist, stellt sich die Frage: Wie lange halte ich das aus? Das muß von innen kommen. Je mehr mitmachen, um so mehr kann es eine Bewusstseinsänderung geben.“

Ihr habt ja wirklich ein wildes Leben geführt!

„Deswegen leben wir auch in einer Mietwohnung.“ Thomas und Mary lachen, dann fügt Thomas hinzu: „Es ist gut so und ich bereue nichts. Es ist Unsinn, an Gütern oder Besitz zu hängen, das habe ich schon als Rasta erkannt.

Es wird jetzt wirklich Fünf vor Zwölf und ich will mich einbringen, um Sachen zu stärken. Die Hoffnung, dass die Erde gerettet werden kann, habe ich noch nicht verloren. Wenn sich genug Leute engagieren, dann wird die Politik das schon ändern. Du mußt heute handeln, als würdest du morgen sterben. Mein Lehrer sagt immer: »sich reinschmeißen, sich reinwerfen!«.“

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