Selbststärkende Gemeinschaften

Ein langer Spaziergang mit Ulrike Hegewald durch Weimar und den romantischen Park an der Ilm

„Ich mag das nicht – immer nur vor sich hin denken, was man machen könnte oder am Stammtisch sitzen und kluge Reden führen. Ich brauche etwas, das ich umsetzen kann. Deshalb bin ich bei »Weimar im Wandel« dabei, das ist unsere Transition Town Initiative.

Da ich beruflich mit Finanzen zu tun habe, bringe ich mich dort vor allem bei Geldthemen ein. Deswegen bin ich auch bei der Initiative »Bedingungsloses Grundeinkommen« dabei. Das Schöne an »Weimar im Wandel« ist, dass es immer Projekte gibt: Und wenn es nur ein Hochbeet ist oder der Gemeinschaftsgarten, Wohnprojekte, Solidarische Landwirtschaft – das sind alles Projekte bei denen man gemeinschaftlich etwas tun kann. In den Gruppen arbeiten bestimmt so 120 Leute – wir haben noch nie gezählt.“ lacht Ulrike.

„Zu »Weimar im Wandel« bin ich über die Ernährung gekommen. Ich hatte starke rheumatische Beschwerden und zwei meiner Kundinnen waren Apothekerinnen. Die haben mir gesagt: »Es geht um die Ernährung. Da müssen Sie tierische Produkte, Zucker und glutenhaltige Nahrungsmittel meiden.« Ich habe gedacht: Jetzt verhungere ich! Das geht ja gar nicht!

Nach und nach habe ich dann umgestellt – und wichtig war mir das Gemüse: Dass ich wußte, wo das herkommt. Dann habe ich rumgefragt und eine Freundin sagte mir, dass es Bauern gibt, die in die Stadt liefern. Man mußte da in irgend einen Keller gehen, wo das Gemüse abgelegt wird und jede sich nimmt, was sie braucht. Wir sind dorthin gegangen, gerade waren frisch geerntete Möhren geliefert worden – an denen war noch die Erde dran. Das waren Fingermöhren, wo hier so eine Wurzel und da ein Kindel abstand – die sahen noch so richtig verwurschtelt aus. Da hat meine Freundin mit ihren Fingern die Erde weggewischt und gesagt: »Hier, beiß mal rein!«. Die haben geschmeckt wie echte Möhren! Das waren die Möhren, wie ich sie aus meiner Kindheit kannte, und das war ein Projekt der solidarischen Landwirtschaft – eines der Unterprojekte von »Weimar im Wandel«.“

Du bist hier geboren. Liegt da auch eine Kraft drin, dass das »dein Weimar« ist?

„Ich bin hier ziemlich verwurzelt, ja das stimmt. Es hat mich immer wieder hierher gezogen. Ich bin nicht so ein Weltenbummler. Das ist wahrscheinlich mein Rückhalt.
Ich schaue mir gerne Berichte aus Australien oder Neuseeland an, aber ich habe nicht das Gefühl: Ich muß da hin. Ich möchte eher noch unsere Wälder, unsere Seen kennenlernen. Und es gibt immer wieder schöne Orte hier, die ich noch nicht kannte.“

Du hast gesagt, dass du beruflich mit Geld zu tun hast?

„Gelernt habe ich Diplom-Bauingenieurin. Erst habe ich in Erfurt gearbeitet, die letzten vier Jahre vor der Wende war ich an der Bauhaus-Uni tätig. Dann kam die Wende und alles war anders. Die ersten zwei Jahre nach dem Mauerfall waren ein ganz großes Durcheinander.
Ich war dann mal in Trier und habe gesehen, dass eine Versicherungsgesellschaft Leute aus dem Osten suchte. Die haben dort einen Schnellkurs für Interessierte angeboten. Es war ein Crashkurs unter dem Titel »Einführung in die Psychologie des Kapitalismus«. Danach war mir klar, was kommt.“

Was war dir klar?

„Das nichts so bleibt, wie es ist und dass uns das Modell des Westens übergestülpt wird. Ich habe in Trier auf dem Platz vor dem Hotel Römischer Kaiser gesessen und geheult. Zur gleichen Zeit sind sie hier noch auf die Straße gegangen und haben gerufen »Wir sind das Volk!« und gleichzeitig wurde die Währungsunion vorbereitet. Ich dachte mir: »Leute, ihr habt das nicht verstanden, was da kommt.«

Für mich war es ein schneller Tod – meine Vorstellungen waren mit einem Schlag gestorben. Um mich herum war es im Gegensatz dazu ein langsames Sterben. Das tat richtig weh zuzusehen, wie man noch am Alten festklammerte und mit dem Neuen nicht umgehen konnte. Das war eine schlimme Zeit. Und auch für mich selbst war es nicht leicht: Wo gehörst du hin? Was ist deins?

Ich habe dann noch eine Zeit lang ein Planungsbüro als Bauingenieurin gehabt – und nebenbei schon als Immobilienmaklerin gearbeitet. Es kamen sehr viele neue Richtlinien und wir hätten als Bauingenieure in neue Technik investieren müssen, dann habe ich das Ende der 90er Jahre aufgegeben.

Naja, so bin ich Maklerin geworden – und durch die Tätigkeit bin ich dann auch zu Themen wie Geld und Versicherungen gekommen.
Das Thema Geld und Finanzindustrie hat sich so verselbständigt. Da geht es nur noch um Dividende und um Rendite, nicht mehr darum, wofür es eigentlich da ist. Das ist mir zu eng. Die Wirtschaft ist ja eigentlich dafür da, die Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen und Geld nur Mittel zum Zweck. Wenn heute eine Firma beurteilt wird, geht es nicht darum, welche Bedürfnisse sie stillt, sondern es gibt irgendwelche Zahlen und Zielvorgaben und die Aktionäre stimmen ab, ob sie diesen Zahlen zustimmen oder nicht.

Ich habe lange überlegt, ob ich das weiter mache. Aber ich habe festgestellt, dass sich die Menschen zumeist ungern mit dem Thema Geld beschäftigen. Hier liegt meine Aufgabe – Menschen darin zu beraten, wie sie einfach und sinnvoll mit ihrem Geld umgehen können. Es gibt ja auch grüne Versicherungen, es gibt nachhaltige Banken und vor allem: Es gibt Alternativen. Das versuche ich, in die Beratung einzubringen. Aber ich habe auch ganz normale Versicherungen mit im Angebot, nur von grün und nachhaltig allein kann ich leider nicht leben.“

Wenn man sich ehrlich mit Geld beschäftigt stösst man unweigerlich auf die Begrenztheit des eigenen Vermögens. Reichtum ist soviel mehr und oftmals etwas Anderes als Geld oder Wertanlagen. Berührst du diese Fragen auch?

„Reichtum, ein gutes Leben: Was ist das? Das ist ein schwieriges Thema, ich suche nach Antworten, und habe sie für mich nur zum Teil. Die Frage ist eine konstante Aufgabe.

Seit vorigem Jahr experimentieren wir in einer Gruppe von »Weimar im Wandel« mit einem virtuellen Grundeinkommen. Unter anderem konnten wir Angebote an die anderen Teilnehmer der Gruppe formulieren. Da haben wir gemerkt: Wir wissen nicht, was die anderen jeweils brauchen.

So war unsere erste Hausaufgabe, dass sich jeder fragen sollte, was er wirklich braucht – wo er wirklich mit dem Rücken an der Wand steht. Wo könnte eine Hilfe von außen wirklich nützlich sein? Das war eine Frage, die viele von uns ziemlich rangenommen hat. Das war ungewohnt.

Seitdem treffen wir uns einmal im Monat und stellen gemeinsam das bereit oder setzen das um, was Derjenige oder Diejenige gerade braucht. Das macht so einen Spaß, sich auf diese Weise kennenzulernen! Mit einem mal geht es gar nicht mehr um diese Währungseinheiten. Das Thema Gemeinschaft rückt in den Vordergrund und das Thema Geld kippt hinten weg. Es geht darum, sich gemeinschaftlich untereinander zu stützen, zu helfen und Rückhalt zu geben. Oder allein zu wissen: Da ist diese Gemeinschaft! Das tut ja auch schon gut. Und die Bewegung ergibt sich ganz ohne Geld.

Wir haben da die verschiedensten Leute: eine Hartz IV-Empfängerin, Peter den Sänger und Schauspieler, Klaus vom Ledertempel, Christoph als Möbeltischler, eine Bausachverständige und so weiter – unterschiedlichste Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund.

Da war zum Beispiel einer in der Gruppe, der gesagt hat: »Ich kann nicht singen. Ich würde so gerne zumindest mal zu Weihnachten ein Lied mitsingen können.« Na, wir haben ja einen Opernsänger in der Gruppe… Wir haben dann einführende Übungen gemacht, die die Angst vor dem »Falsch-Singen« nehmen, die nächsten beiden Male kommt noch jemand hinzu und hilft, der die Registerproben bei einem Kirchenchor leitet. Für dieses Jahr Weihnachten sieht es ganz gut aus… Am Sonntag hat er mich angerufen und gesagt: »Du kannst dir gar nicht vorstellen, was das Singen in mir so plötzlich bewegt!«
Dass auch solche Wünsche zum Tragen kommen finde ich sehr schön. Ich komme mit vielen Themen und mit den Menschen aus unserer Gruppe viel tiefer in Berührung.

Auch in meiner Arbeit habe ich darüber neue Ideen gewonnen. Ganz krass gesagt: Wenn jemand etwas Sinnvolles mit seinem Geld tun will, dann muß er nicht unbedingt zur Bank gehen. Er kann sich zum Beispiel auch eine Photovoltaikanlage kaufen und damit grünen Strom produzieren.

Ich habe jetzt zusammen mit einem Kollegen aus Jena begonnen, dass wir die Anlagen nicht irgendwo hinstellen. Bislang haben wir Photovoltaikanlagen verkauft, die irgendwo in München oder sonstwo stehen. Jetzt haben wir uns gesagt: Das geht auch in Thüringen! Und haben Dächer gesucht, auf die unsere thüringer Kunden ihre Anlagen setzen können.

Mein Wunsch wäre noch, dass der Strom aus ihren Anlagen dann auch direkt an Stromkunden aus Thüringen verkauft werden kann. Im Moment geht das nicht so richtig - weil die Bundesregierung das noch verhindert. Die EU denkt da schon viel weiter.

Das sind Ideen, die aus »Weimar im Wandel« heraus in das Berufliche eingeflossen sind. Da geht es eben nicht nur um das Reden oder irgendeinen Vortrag, sondern um Ideen, die du auch selber aufnehmen und umsetzen kannst.“

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