Immer wieder tun sich neue Fragen auf

Am Küchentisch mit Melanie, Michael, Linus, Samuel und Jonathan Hofmann

„Ist es kalt draußen? Komm rein in die warme Küche.“ empfängt mich Melanie an der Wohnungstür. Linus, Samuel und Jonathan sitzen schon am gedeckten Küchentisch. Michael stellt für mich noch einen weiteren Teller auf den Tisch, ein Stuhl wird herangeholt – Wuseliges Familienleben in der Gründerzeitwohnung. Die Jungs, sieben bis zwölf Jahre alt, schauen interessiert wer da kommt und machen sich dann weiter über ihr Frühstück her.

Melanie und Michael leben seit 16 Jahren zusammen. Beide haben den genug!-Aufruf unterzeichnet. Warum?

„Weil ich einfach genug hab - in jeder Hinsicht!“, sagt Melanie. „Im Sinne von »die Schnauze voll«, es reicht einfach - und das oftmals mit dem Gefühl, mit dem Versuch nachhaltig zu leben, alleine zu sein. Wenn ich mich umschaue, scheint das für viele kein Thema zu sein. Zumindest ist es schwierig, darüber zu reden - das wird dann oft mühsam. Wir setzen Kinder in die Welt und hinterlassen ihnen ein Erbe, das nicht wirklich gut ist. Aber so richtig was dagegen tun? Es ändert sich so wenig! Wir sind hier in einem der reichsten Länder der Welt und schaffen es einfach nicht. Ich war viel im Ausland unterwegs, vor allem in Brasilien, vor zwanzig Jahren. Seither frage ich mich: Wenn wir das nicht schaffen – wie sollen das Länder schaffen, die nicht über die Mittel dazu verfügen? Das ist so eine Ohnmacht.“

Und warum hat Michael unterschrieben?

„Wir müssen was tun, für die Kinder, für uns und die Erde.“ Er überlegt kurz und fügt dann hinzu: „Ich find den Gedanken von genug! gut, neue Dinge auszuprobieren. Ich hab zum Beispiel versucht, Vegetarier zu werden. Aber das schaffe ich nicht, irgendwie fehlt mir da was. Ich habe kein Auto, achte auf Ökostrom, kaufe Bio, gehe auf dem Wochenmarkt und in den verpackungsfreien Laden und verzichte aufs Fliegen. Damit stehe ich im Zwiespalt mit einem Großteil meines Umfeldes und der Politik."

Melanie ergänzt: „Das ist ein Weg, der sich über die Jahre entwickelt – möglichst ökologisch, nachhaltig und sozialverträglich zu leben und fair einzukaufen. Ganz gleich was man tut – andauernd tun sich wieder neue Fragen auf. Irgendwann machst du dir über den Gummiabrieb deiner Schuhe Gedanken, weil gerade eine neue Studie zu Mikroplastik herausgekommen ist.“

Die Jungs springen nacheinander vom Tisch und schließen leise die Küchentür hinter sich, um möglichst unbemerkt ins Wohnzimmer zu gelangen. Das intensive Gespräch der Erwachsenen beschert ihnen ungeahnte Freiheiten an der Playstation.

Woher stammt das Engagement der Hofmanns?

„Ich bin in kirchlichen Jugendgruppen aufgewachsen.“ erinnert sich Melanie. "Der Balkankrieg war ein Thema, die »Jute statt Plastik«-Geschichte, der »Saure Regen«. Dann kam dieses »Ozonloch«-Thema. Da war immer was, was mir Angst gemacht und mich beschäftigt hat.“

Draußen brechen die ersten Sonnenstrahlen durch den frühherbstlichen Himmel. Michael macht sich daran, Möhren und Zwiebeln fein zu schneiden und anzubraten. Melanie und ich begleiten die Kinder raus auf den Sportplatz. Die Wärme der Sonnenstrahlen tun gut, als wir den Basketball-spielenden Jungs zusehen.

„Gemeinschaft! Das spricht mich bei genug! wahrscheinlich am meisten an. Es ist das Umfeld, das einen mitzieht - Ideen von außen, an die man sich anhängt. Es ist relativ einfach sich der Kampagne anzuschließen. Und dann gibt es einem einen Schub zu sehen: »Hey! Du bist ja gar nicht allein.«“

Zurück in der Wohnung geht es erneut an den großen Esstisch. Maultaschen gibt es heute - mit Kartoffelsalat und dunkler Soße. Die Maultaschen in zwei Varianten, vegetarisch und mit Hackfleisch. Experimentelle Auslegung schwäbischen Kulturguts.

Ernährung und Lebensmittel stehen in der Familie im Mittelpunkt.

„Meine Großeltern hatten Landwirtschaft und haben selber geschlachtet. Als ich Kind war, hatten meine Eltern nicht viel Geld. Sie haben gebaut und es war immer sehr knapp. Wir bekamen die Nahrungsmittel meist von den Großeltern und meine Mutter hat hinter dem Haus viel verschiedenes Gemüse angebaut. Zusammen mit den anderen Großeltern haben wir auch noch einen weiteren Acker bewirtschaftet. Wir saßen stundenlang im Garten und mussten Bohnen putzen und Erbsen pulen. Eine Banane war war damals schon etwas Besonderes. Das Angebot im Laden war im Vergleich zu heute eingeschränkt, aber unser Essen war sehr vielfältig - und es war super lecker.“, erinnert sich Melanie.

800 bis 1.000 Euro geben die Hofmanns monatlich für die Ernährung der fünfköpfigen Familie aus.

„Als wir neulich wirklich mal finanziell auf die Bremse treten mussten und daher Abstriche bei den Standards für unsere Lebensmittel gemacht haben, wurde uns klar, dass das ein zentraler Bereich unserer Lebensqualität ist. Damit waren wir nicht zufrieden. Und dann haben wir eben wieder unser Arbeitspensum aufgestockt.“

Michael und Melanie arbeiten Teilzeit, im sozialen Bereich. Dadurch, dass Michael zur Arbeit mit dem Zug in die Schweiz pendelt und dort gut verdient, können sie den nachhaltigen Lebenswandel aufrecht erhalten. Melanie beschreibt die Balance zwischen Arbeit, Einkommen und Familie.

„Mal reicht es finanziell gut - dann reduzieren wir zugunsten der Familienzeit. Und dann kommen ungeahnte Mehrausgaben, so dass es doch nicht reicht und wir stocken wieder auf. Wir hangeln uns so durch. Meine Arbeitsstellen sind meistens befristet und verändern sich laufend."

Wir gehen raus auf den Balkon, in die sonnige Herbstkühle, um bei Apfelkuchen und doppeltem Espresso den ökologischen Fußabdruck der Hofmanns zu vermessen.

Wünscht ihr euch was?

„Total romantisch eine ganz saubere Umwelt und Frieden auf Erden.“ sagt Melanie verlegen und schnippst mit den Fingern. „… wenn ich jetzt »Schnipps« machen könnte - so hätte ich das gerne: Eine Zukunft für alle.“

Und seid ihr zuversichtlich?

„Ich denke, dass wir es schaffen können, wenn immer mehr mitmachen und nicht nach dem Motto leben – »Geiz ist geil« oder »lassen wir es die anderen mal regeln«“, sagt Michael.

Und wie sieht er nun aus, der ökologische Fußabdruck?

Michaels Lebenswandel braucht 2,3 Hektar Fläche. Wenn alle Menschen so leben wollten wie er, bräuchten wir 1,4 Erden. Melanie kommt bei einem Ressourcenverbrauch von 1,8 Hektar nahezu mit einer Erde aus. Als Vegetarierin, die mit dem Rad zur Arbeit fährt, hat sie in Punkto Ressourcenverbrauch die Nase vorn. Trotzdem ist sie erstaunt:

„Das ist schon spannend, dass man wirklich alles geben muss!“.

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