Geh woanders hin!

Karsten Meyer hat in seiner Heimatstadt Berlin einiges versucht.
Jetzt reicht es ihm und er packt seine Sachen.

Hast du schon mal was gemacht mit Landwirtschaft?

„Leider nicht. Aber der Wunsch, endlich selber essbare Pflanzen anbauen zu können, ist schon länger da. Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der ich mich über zu teure Kurse zu Permakultur aufregte. Die Idee, das über WWOOF zu machen, kam erst letztes Jahr.

Als ich das Zertifikat »Veganer Ernährungsberater« bekam, fragten mich die Kursleiter: »Wie machst du jetzt weiter?«. Das muß im September gewesen sein. Und ich habe gesagt: »Ich versuche jetzt selber im Bereich Anbau was zu lernen.« Da ging es mir noch um »Selbstversorgung für Stadtbewohner«. Ich dachte an den eigenen Balkon, das Fensterbrett, höchstens noch einen Gemeinschaftsgarten. Das würde es bei mir auch in der Nähe geben. Da hatte ich noch nicht die Hofidee. WWOOF war mir schon mal vor ein paar Jahren begegnet, damals war mir das aber noch zu abwegig, als Städter auf einem Hof zu landen.

Und wie bist du zur veganen Ernährung gekommen?

Das kam nicht von Heute auf Morgen, das war eine ziemlich lange Entwicklung. Es fing irgendwann an mit einem Vortrag über den Zusammenhang von Ernährung und Allergien. Ich hatte früher richtig starken Heuschnupfen und musste Medikamente dagegen nehmen. Eine der Hauptempfehlungen war: Keine Kuhmilchprodukte. Ich hielt mich dran und der Heuschnupfen war weg. Sicherlich ist die Veranlagung noch da, aber die Symptome treten kaum noch auf. Kuhmilchprodukte waren das erste, was ich rausnahm, das andere kam dann so nach und nach. Zum Schluss war ich noch Ovo-Vegetarier. Das konnte ich am Ende dann auch ablegen, sodass ich Anfang 2012 sagte: »OK, jetzt bin ich Veganer«.“

Warum hast du dann das Fleisch und die Eier auch noch gestrichen?

„Ich war eine Zeit lang Radsportler – so richtig lange Radtouren bis 250 Kilometer am Tag – und da gibt es auch Nahrungsempfehlungen. In denen kam Fleisch selten vor. Wenn dann nur Wildfleisch - und das ist zu teuer. Oder eben nur Geflügel oder magere Fischsorten. Ich hatte zu dem Zeitpunkt kaum noch Fleisch konsumiert. Dann kamen die Informationen zur Umweltverträglichkeit der Massentierhaltung hinzu und die diversen Skandale. Irgendwann machst du dir auch Sorgen um die eigenen Gesundheit, da musst du noch nicht mal viel von Tierschutz halten.“

Es klingt so, als ob du im Leben einige wechselnde Themen verfolgt hast.

„Ja, sicher. Ich probiere immer gerne mal was Neues aus. Auch in Sportarten. Früher Badminton, dann kam das Radfahren, dann kam zwei Jahre Inline-Skating und dann Langstreckenlauf. Ich bin bei den »Vegan Runners«.“

Wie alt bist du?

„Ich bin 48 Jahre alt, geboren in Berlin, Hauptstadt der DDR, in Buch. Ich habe immer in Lichtenberg oder in Friedrichsfelde gewohnt. Immer hier in der Gegend. Meine Großeltern hatten ein Grundstück in Schönholz, das liegt zwischen Pankow und Wilhelmsruh.“

Warum willst du dann hier weg? Ich frage, weil ich Berlin liebe. Ich habe mal hier gelebt und bin immer wieder gerne hier.

„Ich denke mir, hier wird es nicht besser. Die politische Lage - man macht ja selber Erfahrungen mit Behörden und Organisationen…

Irgendwann sagst du dir: »Du hast Einiges versucht, du warst in Parteien, du warst mit Organisationen zusammen. Doch das verflüchtigt sich wieder. Geh woanders hin! Da sind die Möglichkeiten vielleicht besser. Auch für dich selber, was du selbst noch machen willst.« Ich denke, ich bin gerade noch jung genug, um hier rauszukommen.“

Du hast Politik gemacht?

„Das fing Mitte der 90er Jahre an mit der ÖDP, da habe ich sogar noch kandidiert in Friedrichshain. 2009 hatte ich einen richtig krassen Wahlkampf und unterstützte mehrere parteilose Direktkandidaten. Ich hatte auch engeren Kontakt mit den Violetten, ohne da Mitglied zu sein. Dann war ich von 2010 bis 2011 bei der Piratenpartei und merkte, dass das auch nicht richtig läuft.“

Und wie hältst du dich über Wasser?

„Ich kriege ALG II und mache dann noch Komparserie.“

Komparserie? Was ist das?

„Filmdrehs. Ich bin bei einer Agentur und darüber kriege ich die Jobs. Am 10. Februar hatte ich einen total langen Drehtag. Drei Uhr habe ich die Wohnung verlassen und 21 Uhr war ich wieder Zuhause. Für »Babylon Berlin« wurde gedreht »1923 – Wutbürger stürmen die Berliner Börse«. Manchmal habe ich aber auch kleinere Rollen, die richtig im Drehbuch stehen. Im Januar hatte ich zum Beispiel einen Dreh mit Udo Samel.“

Wie bist du auf genug! aufmerksam geworden?

„Du hattest mal was in postwachstum.de geschrieben.

Wachstum als Ziel ist ziemlich primitiv. Es gibt ja das Bruttoinlandsprodukt und Wirtschaftswachstum ist die Differenz zwischen dem Bruttoinlandsprodukt eines Jahres und dem Bruttoinlandsprodukt des Jahres davor. Es geht dabei nicht um höhere Werte. Im Gegenteil: Irgendwann hat man angefangen, die Einnahmen der Zigarettenmafia mit rein zu rechnen. Da ist alles Mögliche mit drin. Pornohefte und was weiß ich. Wir müssen rechtzeitig Alternativen finden!“

Hast du Wunschländer, wo du hinwillst?

„Ich dachte zunächst an Dänemark, da gibt es aber für mich das Sprachproblem. Schriftlich komme ich gut zurecht mit den wichtigsten germanischen Sprachen. Aber die dänische Phonetik - das Verhältnis zwischen dem Geschriebenen und dem Gesprochenen – ist sehr schwierig.
Und dann kam ich auf den Gedanken: Warum eine Reise an einen bestimmten Ort? Ich kann ja auch Zwischenstopps einlegen. In der EU kannst du dich bis drei Monate in jedem Land aufhalten, ohne dich melden zu müssen.

Aber das Geld ist irgendwann alle. Selbst wenn du WWOOFst - nach einem Jahr muss ich etwas gefunden haben. Das ist auch ein Wagnis, sicherlich. Aber es gibt Möglichkeiten.“

Wie sieht eine gute Zukunft aus?

„Dass sich solche Entwicklungen wie Wachstumsrücknahme durchsetzen. Es gibt immerhin diese Schülerdemos. Ich stelle mir vor, dass es nicht bei diesen Latschdemos bleiben wird.“

Bist du zuversichtlich, dass sich etwas ändern wird?

„Schwer zu sagen. Es kann sein, dass es sich erst mal verschlechtert. Wobei meine Hoffnung ist, dass es in anderen Ländern nicht ganz so schlimm ist, wie hier.“

Gibt es Sachen, die du fürchtest?

„Ja sicher, Krankheiten, körperlichen Verfall, Handlungsunfähigkeit. So etwas wie allgemeine Verrohung oder Abstumpfung, dass ein Pöbel entsteht.

Ich habe eine Menge verschiedener Sachen gemacht und habe eine Menge verschiedener Abschlüsse – aber nichts, was ich wirklich Berufung nennen würde. Zuerst habe ich Facharbeiter für Betriebsmess-, Steuerungs- und Regeltechnik gelernt. Ausgelernt habe ich auf irgend einer Kläranlage in der Nähe von Schönefeld. Ich nutzte die erste Gelegenheit, um dort wegzukommen, indem ich zur Armee ging. Das war damals die lockerste Zeit. 5 Monate NVA - es gab keine Disziplin mehr in der Truppe. Ich war stationiert erst in Oranienburg und dann in Lehnitz. Und der Vorwand, dass sie uns zwei Monate früher entließen – mit Vorauszahlung des Soldes – war, dass wir uns ja jetzt um unsere Jobs kümmern müssten. Ich habe dann erst mal das Abitur nachgeholt. Ich durfte das in der DDR nicht machen, weil ich nicht genügend »gesellschaftliche Aktivität« gezeigt hatte. So nannte sich das damals. Ich war zwar in der FDJ, aber nicht aktiv genug. Ich war nicht politisch zuverlässig.“

Hast du eine Idee von Berufung?

„Für mich ist die vollständige Lebensführung wichtiger als die Idee von Beruf.
Ich bin seit einiger Zeit säkularer Buddhist. Als Buddhist hast du den achtfachen Pfad – acht Faktoren. Der fünfte Faktor heisst »vollständige Lebensführung«. Vielleicht kennst du den Alternativen Nobelpreis, den »Right Livelihood Award«. Das »right livelihood« steht bei den Buddhisten an der Stelle, an der für die Christen der Beruf steht.

Also »Beruf« ist: Du lernst irgendwas und machst dann irgendwas Bestimmtes und gehst danach in Rente. 
Bei »vollständiger Lebensführung« kann es auch sein, dass du Etwas regelmässig oder oft machst, zum Beispiel um deinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Das Entscheidende ist aber, dass du darauf achtest, möglichst wenig Schaden dabei anzurichten. Ich könnte zum Beispiel als Komparse auch in Werbespots auftreten – mache ich aber nicht, weil ich keinen Konsum fördern will. Das ist der Unterschied.“

Dass dir die »vollständige Lebensführung« wichtig ist, haben wir gesehen, als wir deinen ökologischen Fussabdruck vermessen haben. Dank 25 Quadratmeter-Wohnung, ohne Auto, ohne Flüge und mit Ökostrom liegst du als Veganer vorne. Du brauchst nur 1,8 globale Hektar – das entspricht 1,1 Erden. Du bist einer der wenigen Menschen, die ich getroffen habe, die mit nahezu einer Erde auskommen!

„Das ist aber trotzdem zu viel, du sagst es ja selbst: Eins Komma Eins!“

Wie sieht für dich persönlich eine gute Zukunft aus?

„Ich habe sehr geringe Ansprüche. Eine gewisse materielle Sicherheit, aber auf bescheidenem Niveau. Ein gutes Umfeld, Menschen mit denen zusammen ich was machen kann. Wichtig ist mir, dass ich selber was bewirken kann, immer mal wieder was Neues versuchen. Das ist sicherlich auch ein Grund, warum ich mit WWOOF anfange, weil es handgreiflich ist, nicht nur theoretisch.“

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