Folkpunk, Obduktionen & Irish Stew

Nachdenken über Leben und Tod mit Ian Beer in Berlin-Friedrichshain

Als ich Ians Küche betrete, steht das Irish Stew bereits auf dem Herd. „Das ist mein »Sonntagsbraten« den ich für dich auf Montag verschoben habe“ hatte mir Ian zuvor geschrieben.

„Ich bin in England aufgewachsen, mit sechs Jahren bin ich mit meiner Mutter nach Freiburg gezogen. Mit 16 bin ich zurück nach England und habe mich als Berufssoldat verpflichtet. Mein Vater wohnte in der Nähe von Dartmoor und ich war in Shropshire an der walisischen Grenze stationiert. Ich war fünf Jahre in der Armee, dann hier eine Woche auf Urlaub – und bin da geblieben.“

»Hier« ist Berlin. Wir sitzen in Ians Wohnung im Friedrichshainer Samariter-Kietz. Ein halbes Leben lang ist Ian nun schon Wahlberliner. Nach dem Militär hat es ihn in das Berlin der gefallenen Mauern verschlagen.

„Das war ’91, aber es gefällt mir immer noch. Am Anfang dachte ich: Ich schaue mir das mal an und geh zurück nach England oder vielleicht sogar nach Freiburg. Und irgendwann war klar: Nee, das ist meins! Vor allem wenn ich mal längere Zeit weg bin und zurück kehre: Es fühlt sich immer noch richtig an. Hier arbeite ich im Katholischen Krankenhaus in Tempelhof.“

Wie kamst du ins Krankenhaus? Hast du so was schon im Militär gemacht?

Ian lacht: „Nein, ich war Panzergrenadier. Hier in Berlin schwebte mir Fotograf oder Sozialarbeiter vor. Irgendjemand hatte mir zu der Zeit »Medizinischer Präparator« vorgeschlagen, also Obduktionen und Präparationen. Das sagte mir gar nichts, also bin ich da hingefahren, um mir das anzuschauen und der Leiter des Instituts hatte mich da mehr oder weniger gleich in Beschlag genommen. So bin ich zu dem Beruf gekommen – hat mir gefallen, hat sich ergeben, hat mich bis dahin noch nie interessiert, aber seither arbeite ich in der Pathologie und bin seit einem Vierteljahrhundert im gleichen Krankenhaus.
Manche fragen: »Wie, Sie arbeiten da jetzt schon 25 Jahre?« Für manche symbolisiert das eine gewisse Unflexibilität und Unbeweglichkeit. Aber nein: Ich bin dort, weil ich gerne dort hin gehe, weil ich gut behandelt werde und weil mir meine Arbeit Freude bereitet.

Das mit dem Obduzieren hat nachgelassen. Sich um die Angehörigen kümmern, Aufbahrungen – die Verwaltung um den Tod herum zu gestalten – das ist mehr in den Vordergrund gerückt. Zudem bin ich für die Suchtberatung der Mitarbeiter der Ansprechpartner und ich bin in der Mitarbeitervertretung tätig.“

Da hast du ja eine ganz solide Verbindung zum Tod. Erst als Panzergrenadier und jetzt in deinem heutigen Berufsfeld.

„Obwohl, damals als Panzergrenadier war ich noch zu jung. Man hat gelernt zu töten und man auch selbst sterben können – aber man hat den Tod nicht als real wahrgenommen. Da hat die Endlichkeit keine Rolle gespielt. Man genoss zwar das Leben, aber war sich dessen nicht so bewusst.
Jetzt habe ich die Endlichkeit vor Augen – ich kriege es hier immer mit, anhand der Angehörigen. Ich führe das Sterbebuch und man hat viel Zeit, darüber nachzudenken, sich auf die Menschen einzustellen und ihnen einen Rat zu geben und eine Stütze zu sein.

Über den Tod nachzudenken – das ergibt sich in meinem Beruf automatisch. Das ist ein sehr, sehr interessantes und breites Feld. Man merkt bei den Angehörigen, dass viele von ihnen nicht darüber nachdenken oder das lange weggeschoben haben.
Für mich ist das eine Unreife für das Leben, wenn man sich nicht mit dem Tod beschäftigt. Ich kann das Leben ja erst richtig genießen, weil ich weiß, dass da – wann immer – ein Ende ist. Die Begrenztheit macht es erst wertvoll, so wie die Zeit, die wir jetzt hier miteinander verbringen. Das liegt an der Erkenntnis der Endlichkeit.

Durch die berufliche Konfrontation mit dem Tod gehe ich auch gerne auf Friedhöfe und schaue mir die Sterbekultur in anderen Ländern an. Den jeweiligen Umgang mit Tod und Sterben vor Ort zu beobachten trägt oftmals zum besseren Verständnis einer Kultur bei.

Wenn du die Einsicht nicht hast, als junger Mensch, dann scheust du dich auch nicht, dein Leben einzusetzen. Wir haben keinen Gedanken daran verschwendet. Man wusste, dass man sterben kann, aber man hat die Größe des Ganzen nicht gesehen.“

Seid ihr auch in konkrete Konfliktsituationen eingesetzt worden?

„Bei mir war es Nordirland, ich bin dreimal dort gewesen.

Einmal schlug eine Kugel zwischen meinem Kollegen und mir in die Mauer ein und wir haben uns beide erschrocken angeguckt, mussten lachen und sind dann in Deckung gegangen. Das war dieser schwarze Humor, den man braucht und auch hat, um da patrouillieren zu können – und am nächsten Tag waren wir wieder im Dienst. Ein anderer Kollege, der angeschossen wurde, wurde nach zwei Wochen im Krankenhaus wieder mit rumgeschickt - damit die anderen Kameraden sehen: »Ach, halb so schlimm!«

Ich fand es in Ordnung zu der Zeit. Diese kleine Welt des Militärs hat es auch in sich. Sie hat ihre eigenen Gesetze. Du begibst dich ja freiwillig hinein und glaubst auch an das, was da passiert. Du stellst es nicht in Frage. Du bist ein kleines Rädchen, es geht nicht um komplexes Wissen. Es gibt für alles eine Antwort, es gibt für alle was zu tun. Für alles ist gesorgt und Geld kriegt man dafür auch noch. Das ist wie eine Art Boot-Camp für junge Männer, man kriegt tagtäglich etwas geboten. Man ist an der frischen Luft, wird permanent beschäftigt und lernt ständig etwas Neues.

Gleichzeitig prägt es sehr die soziale Intelligenz, das habe ich erst im Nachhinein gemerkt. Wenn du in der Grundausbildung für ein Jahr in einem 15 oder 30-Mann-Raum leben musst, dann musst du mit allen möglichen Leuten klar kommen und die mit dir. So hast du gelernt, simpel zu leben.
Man hat einfachste Schlaf-, Ess- und Transportausstattung. Alles war auf rudimentärste Funktionen runter getrimmt. Auch im Alltag war es nicht gerade üppig. Das war prägend, zu wissen, dass man mit wenig Platz, nicht so schmackhaftem Essen und mit den Menschen auskommen muss, die man dort vorfindet. Man hat das bekommen, was man brauchte. Und eben nicht mehr. Man hatte genug. Das fällt mir erst jetzt auf, da wir darüber sprechen.“

Ian überrascht mich in unserem Gespräch mit immer neuen Wendungen. Wie setzt er seinen genug!-Lebensstil praktisch um?

„Irgendwann hatte ich mal angefangen, mir Gedanken um den Strom zu machen. Vor dem St. Pauli Stadion stand mal einer von Lichtblick. Am nächsten Morgen habe ich den Flyer in der Tasche gefunden und habe mir gesagt: »Das mache ich mal.« Das ist schon viele Jahre her.
Dann bin ich von meiner Bank geflohen, weil die Deutsche Bank sie aufgekauft hatte. Ich kannte einige christliche Banken und einige Öko-Banken und hatte mal mit meinem Bruder – auch beim Fussball – darüber geredet. Er kam auf die GLS-Bank und ich bin dann dorthin gewechselt.

Früher hatten wir ein Auto, doch ich hatte keine Lust mehr, in der Stadt zu fahren. Wir haben uns als Wohnort diesen Stadtteil strategisch ausgesucht. Es gibt eine U-Bahn, es gibt eine S-Bahn und es gibt einen echten Kiez, du kannst alles erlaufen: Vom Schneider zum Bäcker zum »Was-auch-immer«. Das war mir wichtig.
Eine Zeit lang bin ich noch die zehn Kilometer mit dem Auto zur Arbeit gefahren – bis ich dachte: „Eigentlich würde ich viel lieber radeln!“. Dann haben wir das Auto abgeschafft, meine Frau Christiane fuhr eh nicht gerne damit...


Mit Bio-Lebensmitteln war es am Anfang schwierig – sich an die Kosten und die Umstände der Beschaffung zu gewöhnen. Wir haben nach und nach den Konsum umgestellt. Im Dorf der Eltern meiner Frau laufen mittlerweile ein paar Hühner und ein paar Enten für uns herum und irgendwann wird geschlachtet und wir können sie dann abholen. So haben wir inzwischen etliche Nische für eine vernünftige Fleischbeschaffung gefunden. Und wir haben unseren Fleischkonsum einfach reduziert. Fleisch gibt es wesentlich seltener, meist einmal die Woche. Das ist nicht auf den Sonntag fixiert. Wurst und Milch haben wir aus dem Alltag verbannt.

Ich habe aufgehört, Bücher zu kaufen; die kaufe ich nur noch als Geschenk. Meine Bücher wohnen in der Bibliothek. Dort kann ich sie mir auch hinbestellen, aus dem gesamten Bibliotheksbestand Berlins. Das ist nur ein Beispiel von Vielen, dass man Dinge nicht tatsächlich besitzen muss...
Stück für Stück kommt man so von manchen Dingen weg, bei denen einem unwohl war oder die man zunehmend für überflüssig hält – und hat dann aber immer noch ein paar Themen, bei denen man sich unbehaglich fühlt, wie mit der Fliegerei. Ich fliege in diesem Jahr zweimal nach England und fliege dann noch einmal mit ein paar Freunden.

»Genug« heisst für mich aber auch: »Was habe ich denn über?«
Da unten vorm Haus ist ein Stromkasten, den mag ich richtig gerne. Das ist mein Ablageort für alles Mögliche. Ich habe gerade noch zwei Whiskygläser ausgemistet, die mir jemand mitgebracht hat, als Geschenk. Ich bin kein großer Freund von Geschenken, weil ich sie meist nicht gebrauchen kann. Von daher versuche ich auch, Geschenke zu umgehen. Doch wenn ich sie erhalten habe, gebe ich sie nach einer Zeit weg. Ich stelle die Geschenke und alles, was sich als »zu viel« anfühlt auf den Stromkasten: Musik die man nicht mehr hört, Klamotten - was halt so sich ansammelt. Irgendwer hier im Bezirk hört meine Musik, trägt meine Hose, meine Stiefel oder was auch immer. Da ist noch nie was liegengeblieben über Nacht – das findet seinen Kreislauf.

Wenn da irgendjemand seine Bücherkiste oder andere Dinge rausstellt, stöbere ich auch, ob da was dabei ist. Humana ist da vorne, an Flohmärkten mangelt es auch nicht. Ich kann mich gar nicht mehr entsinnen, wann ich ein Hemd in einem Geschäft gekauft habe.

Mir gefällt der humanistische Grundgedanke, sich um den Anderen zu kümmern, wenn man sieht, dass jemand Hilfe braucht, ihm auch zu helfen. Wenn ich zu viel habe, auch etwas abzugeben, nicht wegzuschauen, auch andere zu unterstützen – sei es nun situationsbedingt oder gezielt gespendet oder geholfen.“

Aber das ist hart hier in Berlin. Da kommst du ja nicht mal bis zur Arbeit, wenn du das ernst nimmst.

„Ich habe das mal ausprobiert. Überall wo ich angebettelt wurde, habe ich etwas gegeben – dort, wo ich konkret der Ansprechpartner war. Dafür bin ich einen Monat lang mit der BVG gefahren und habe immer genug Kleingeld dabei gehabt, um jedem Zeitungsverkäufer, jedem Bettler und jedem Musiker einen Euro zu geben. 92 Euro kostet das pro Monat, wenn du jedem, der dich anspricht, einen Euro gibst.

Wenn man das in der BVG mehrfach am Tag hat, ist man auch genervt. Leute, die mit dem Auto oder dem Fahrrad zur Arbeit fahren, kommen mit der Armut weniger in Kontakt.“

3,6 globale Hektar benötigt Ians Lebensstil. Wollten alle Menschen auf diesem Planten so leben, bräuchten wir gut zwei Erden. Mit 6 Tonnen CO2 liegt Ian bei gut der Hälfte der Emissionen, die in Deutschland pro Kopf verursacht werden.

Was steht an in diesem Jahr?

„Ich spiele mit ein paar Jungs in einer Band und wir hoffen, dass wir bis Ende des Jahres das Album fertig kriegen.“

Was ist das für eine Band? Wie bist du dazu gekommen?

„Wir hatten in Freiburg schon eine Band und ich bin da der Sänger gewesen – Punkrock. Dann war ich in England die fünf Jahre, kam nach Berlin und in meiner Wohngemeinschaft war einer in einer Band, die erst vor einem Jahr gestartet war. Die suchten einen Sänger - das war ein schöner Einstieg für Berlin; über Hardcore und Punkrock bin ich jetzt in einer Folkpunk-Band gelandet, die es auch schon 12 Jahre gibt.“

Wie sieht eine gute Zukunft aus?

„Das wäre ein Ort, an dem ich mein Fahrrad nicht abschließen müsste. Ich glaube allerdings nicht, dass es das in Berlin geben wird. Ich halte es fast für realistischer, an einen Ort zu glauben, an dem es keine Autos in Privatbesitz mehr gibt. Das werde ich vielleicht noch erleben, das wäre schön.

Ein anderer guter Ort wäre ein Ort, an dem keine toten Tiere mehr gegessen werden. Aber da tue ich mich selbst schwer. Und ich würde mir einfach wünschen, dass es verboten wird. Ich lebe lieber mit Verboten und unterwerfe mich diesen Verboten auch gerne – anstatt an die Freiwilligkeit der meisten Menschen zu glauben. Das ist mir zu »links-spinnerig«.

Ich glaube nicht daran, dass man nur mit gutem Beispiel vorangehen muss. Ich tue das für mich, weil ich überzeugt bin davon, aber ich erwarte nicht allzuviel Wirkung.
In dem Moment, wo die Leute in die Anonymität abdriften und nicht mehr ihrer Verantwortung bewusst gemacht werden können, werden sie sich rausschummeln. In einem Dorf mag das noch funktionieren, aber in einer Stadt oder sogar einem ganzen Land? Mach’s teuer oder verbiete etwas - und dann wird es funktionieren! In solchen Fragen bevorzuge ich einfache Regelungen.“

Gibt es etwas, das du für die Zukunft fürchtest?

„Die Angst wurde einem beim Militär genommen.

Klar, das wird vermutlich kommen, dass wir den Gürtel unfreiwillig enger schnallen müssen. Und es werden ein paar unschöne Dinge passieren. Aber ich habe keine Angst davor. Und ich habe das sehr wohl mit verursacht.
Wenn du mit den Kollegen trinken gehst, musst du am Ende die Zeche zahlen und kannst dann nicht rumheulen. Global gesehen ist es genau so – das ist eine unvermeidliche Folge, die kommen musste. Da kann ich mich dann nicht beschweren, wenn ich dafür mitverantwortlich bin.
Doch dann habe ich einen Koffer voller Erinnerungen, der ist voll gestopft – die kann mir niemand wegnehmen. Und ich habe kein Eigentum, um das ich mich sorgen müsste, weil es mir abhanden kommen könnte.

Klar bin ich mit vielen Sachen nicht zufrieden. Mit diesem wirtschaftlichen System und mit der Rechnung, die nicht aufgeht – da kann man sich vor fürchten. Entweder kommt das nach mir oder ich bin mittenmang. Wie dem auch sei, in der Relation gesehen hatte ich bisher ein langes erfülltes Leben. Ich bin nicht so wichtig.“

Bleibe auf dem Laufenden
und abonniere unseren Newsletter!

*

An welche E-Mail Adresse soll der Newsletter geschickt werden?